03.06.2015

Wilhelm Gröne: Geschichte und Politik im Spiegel christlicher Gesangbücher-Vortrag in Ev. Akademie Arnsberg


Mit Pfarrer i.R. Wilhelm Gröne aus Menden konnte die Evangelische Akademie Ende Mai einen Referenten mit einem ungewöhnlichen Interessengebiet  gewinnen: Er befasst sich mit Gesangbüchern! Die zahlreichen Zuhörer erlebten einen lebendigen und fesselnden Vortrag zu einem Thema, das sich wohl kaum einer so spannend hätte vorstellen können.

Wie politisch waren und sind unsere Gesangbücher? Schon die Bezeichnung der einzelnen Rubriken sind aussagekräftig: Im aktuellen Evangelischen  Gesangbuch sind Überschriften aus früheren Zeiten wie „Für Volk und Vaterland“ verschwunden. Neu ist das Thema: „Erhaltung der Schöpfung, Frieden und Gerechtigkeit“ mit Liedern, die zwar nicht unmittelbar politisch sind, deren Gedanken aber vielleicht doch  Auswirkungen in der Politik haben.

Für die Verquickung von Politik und Gesangbuchtexten stehen erschreckende Beispiele aus nationalsozialistischer Zeit. Da bleiben verschiedene Auflagen eines Liederbuches äußerlich unverändert, aber das Vorwort passt sich geschmeidig der augenblicklichen Geistesströmung an. Da werden alte Texte unverfroren verändert und umgedichtet, „Deutschland - Hitlerland - Gottesland“ in eine Zeile gebracht, und zu Weihnachten erfahren wir: „Sterne singen Heldenweisen.“ Die Sprache der nationalsozialistischen Propaganda hält Einzug in die Gesangbücher.Die Texte wurden oft mit alten, vertrauten Melodien gesungen, und der Referent warnte vor allzu schneller Verurteilung der Menschen, die sich der Suggestionskraft dieser Lieder nicht entziehen konnten.
Aussagekräftig ist auch die bildnerische Gestaltung: Marschierende Soldaten, die Emmausjünger in Uniform oder zwanzig Jahre vorher ein Bremer Gesangbuch mit Zeichnungen von Heinrich Vogeler, die aber in der nächsten Ausgabe entfernt wurden, weil Vogeler den Kaiser angegriffen hatte.
Der Versuch, ein neues Gesangbuch einzuführen, erzeugte oft heftige Auseinandersetzungen und Widerstände – bis hin zu Prügeleien. Bei politischen Neuordnungen wollte man sich das gewohnte Gesangbuch nicht nehmen lassen und war glücklich, wenn die Verantwortlichen Toleranz übten. So zieht sich durch die Geschichte des Gesangbuchs trotz aller Zeitströmungen auch immer wieder eine starke Kontinuität, und nicht selten gibt es auch Beispiele für Widerstand gegen die gerade angesagte Geisteshaltung.

Zum Schluss brachte Wilhelm Gröne ein berührendes Beispiel für die Wertschätzung von Gesangbüchern. In Württemberg wurden 1919 „den Heimgekehrten“ Gesangbücher überreicht, gestaltet mit einem Kreuz, an dem Rosen wachsen. Das hatte Symbolkraft: Bei allem, was ihr erlebt habt – was in diesem Buch steht, das bleibt und blüht.

Bei dem anschließenden Gespräch wurde ein Gedanke zur Zeit des Nationalsozialismus ergänzt: Nicht in allen Gemeinden wurden Lieder gesungen, die den erwähnten Beispielen entsprochen hätten, und so wurde z.B. das alte Arnsberg vor solchen Texten verschont.

Text und Bilder: Volker Horstmeier


Der Referent Wilhelm Gröne kennt sich aus mit evangelischen Gesangbüchern

 
 
 
 
Wilhelm Gröne: Geschichte und Politik im Spiegel christlicher Gesangbücher-Vortrag in Ev. Akademie Arnsberg
 

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