15.10.2014

Zeitgeschichte, die bis heute wirkt - Lesung am Tag der deutschen Einheit in der Brilon


Mit Schwung nimmt Ines Geipel im Altarraum der Briloner Stadtkirche Platz. Die ehemalige Spitzensportlerin und heutige Vorsitzende der Doping-Opfer-Hilfe ist bewegt vom Mauerfall und seinen Folgen. 25 Jahre danach liest sie am 3. Oktober in der evangelischen Kirche aus ihrem Buch: „Generation Mauer“, Menschen, die 25 Jahre vor dem Mauerfall geboren, in der DDR als „Glücksritter“ bezeichnet wurden. Sie hatten Erfolg im System DDR und nach 1989 die Chance, sich weiter zu qualifizieren und im vereinten Deutschland eine gute Stellung zu bekommen. „Warum blieben sie stumm?“ hat Ines Geipel sich gefragt und Interviews mit Mitgliedern der Generation zu einem Roman aufbereitet.
Ines Geipel,  seit 2006 anerkanntes Doping-Opfer, ist heute Professorin für Poetik an der  Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin. Sensibel geht sie mit Worten und Sätzen um, auch wenn sie zunächst zugibt, dass sie „heute nicht ganz beisammen“ sei, zu viel geschehe in diesen Tagen, die Erinnerung brächte alle wieder hoch. Aus ihrem Buch liest sie einen Abschnitt über „die größte Demonstration in Ost-Berlin“ am 4. November 1989. Aus den später zugänglichen Stasi-Akten, die Geipel alle studiert hat, geht hervor, dass die Staatsicherheit diese Veranstaltung stabsmäßig durchorgansierte. Noch heute erinnern sich die Demonstrierenden von damals an ihre Hoffnungen und ihr Erstaunen darüber, dass  damals keine Bürgerrechtler Reden hielten, sondern Künstler und Politiker, die sich für die DDR nur Veränderungen wünschten, grundsätzlich aber für ihren Erhalt eintraten. Anders als die meisten Demonstranten, die die Öffnung der Mauer forderten.

Den Herbst 1989 beschreibt Geipel als „persönliche und nationale Wasserscheide“. Es kristallisierte sich heraus, wer das System stützte und wer von seiner Abschaffung träumte. 25 Jahre später arbeitet die Generation Mauer in Gesprächen an 50. Geburtstagen auf, was damals passierte. In langjährigen Therapien decken sie die Traumata auf, die ihre Eltern verursachten, weil sie die NS-Vergangenheit der DDR und das systematische Unrecht, das in der DDR verübt wurde, verdrängt hatten.

Ines Geipel kritisiert nostalgische Blicke auf die DDR. Gründe für die Ostalgie sieht sie darin, dass Menschen ihren Platz im vereinigten Deutschland nicht gefunden haben, dass sie sich durch westliches Verhalten gedemütigt fühlten und dass Opfer des DDR-Systems den Eindruck haben, niemand interessiere sich für ihre Geschichte.

Das Briloner Publikum zeigte sich hoch interessiert an Ines Geipels Blick auf die Geschichte. Viele haben das Jahr 1989 in glücklicher Erinnerung,  da mit dem Mauerfall etwas passierte, was sie nie erwartet hätten. Das hatte auch Bürgermeister Dr. Christoph Bartsch angesprochen. Für ihn habe der Satz „Die Mauer muss weg“ früher von einer Illusion gesprochen, deren Verwirklichung ihn bis heute bewege. „Die Geschichte, von der Ines Geipel erzählt, hat auch ein Stück mit uns allen zu tun.“ Pfarrer Werner Milstein, dessen Initiative die Kirchengemeinde Brilon und Brilon Wirtschaft und Tourismus die Lesung mit Ines Geipel verdanken, brachte den Zusammenhang zwischen der evangelischen Kirche und dem Mauerfall in Erinnerung. „In Leipzig und Ost-Berlin hat Kirche den Kritikern der DDR Raum gegeben, um ihren Protest zu formulieren.“ Deshalb sei die Stadtkirche der angemessene Raum für eine Lesung von Ines Geipel, die in ihren Romanen die Erinnerungen an Opfer aus Sport und Kultur wachhalte. Pfarrer Rainer Müller hofft, dass in den nächsten Jahren Veranstaltungen am 3. Oktober in der Ev. Kirchengemeinde Brilon zur Tradition werden.


Ines Geipel erzählt und liest. Bilder: KKB

Bürgermeister Dr. Christoph Bartsch würdigt die Lesung am Tag der Deutschen Einheit.

 
 
 
 
Zeitgeschichte, die bis heute wirkt - Lesung am Tag der deutschen Einheit in der Brilon
 

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