21.04.2016

Ungläubiges Staunen - Navid Kermani liest in Mescheder Kloster


Im Herbst 2015 hat Navid Kermani den Friedenspreis des deutschen Buchhandels bekommen. In einer eindrucksvollen Rede in der Frankfurter Paulskirche schilderte er u.a. einen Passus aus seinem Buch „Ungläubiges Staunen. Über das Christentum“. Dieses Buch ist eines der wenigen Werke eines islamischen Wissenschaftlers, das sich intensiv mit Themen der christlichen Theologie befasst. Kürzlich war er zu einer Lesung in Meschede. Eingeladen hatte ihn der Abtei-Buchladen. In der Aula des Gymnasiums wollten ca. 300 interessierte Menschen den Autor kennen lernen und ihn zu seinem Buch hören. Kermani las einige ausgewählte Kapitel und ging im Anschluss noch auf Fragen ein. 

Kermani las vier Kapitel aus seinem Buch. Bilder christlicher Kunstwerke, über die er sprach, wurden auf eine Leinwand projiziert, sodass die Besucher die Erläuterungen angemessen mit verfolgen konnten. Die ersten beiden Bilder waren dem Thema Maria und Jesus gewidmet. Das dritte stellte die Opferung Isaaks dar, das vierte eine Szene mit Anna und Joachim, den Eltern von Maria. Alle Betrachtungen verstehen sich als Deutungen biblisch entlehnter bzw. biblisch verwandter Themen. Das Verhältnis von Maria und Jesus, ihre innere Verbindung, das Geheimnis der wunderbaren Geburt und die Vorahnung des tragischen Endes wird durch die Kunstwerke gedeutet und mit eigenem Erleben vertieft. Das sehr realistische Bild von der Opferung Isaaks deutet der Autor als kritische Frage an blinden Gehorsam und als Absage an Kindstötungen. Das vierte Motiv mit dem Kuss von Joachim und Anna war Anstoß, über Leibfeindlichkeit und körperliche Lust innerhalb der christlichen Tradition nachzudenken.

Kermani wurde im Anschluss gefragt, wie er als Muslim, der doch religiös in einer bildlosen Tradition beheimatet ist, sich der Bilderwelt der christlichen Kunst zuwendet. Seine biographischen Einblicke haben manchen Besucher zum Schmunzeln gebracht. Denn: in der realen Welt sind die Dinge komplexer als sie sich von außen darstellen. Er selbst ist in Siegen geboren und aufgewachsen. Diese Region wird bis heute von christlich-freikirchlichem bis streng calvinistischem Einfluss bestimmt. Er hat diesen Einfluss in Schule und Leben kennengelernt. Später siedelte er über nach Köln, was zu seiner Heimatstadt wurde. Siegen und Köln repräsentieren religiöse Strenge und katholischen Frohsinn, eine Spannung, die in den Bild-Deutungen spürbar wird. Dazu kommt, dass Kermani die sinnliche Ästhetik iranischer Moscheen verinnerlicht hat und nennt als Beispiel die Moschee von Isfahan, woher seine Familie stammt. Und als Geschichten sind ihm die biblischen Erzählungen zu Maria und Abraham ja auch durch den Koran bekannt.

Im Buch schildert Kermani mit warmen Worten den Werdegang von Pater Paolo. Dieser hat in Syrien in den Ruinen des alten christlichen Klosters Mar Musa eine neue klösterliche Gemeinschaft aufgebaut. Pater Paolo wurde zu einem außergewöhnlich feinen Kenner des Islam und hatte keinerlei Berührungsängste mit muslimischen Menschen. Er hat sich als Christ auch politisch gegen Assad gestellt, als 2011 die zivilen Proteste begannen. Wiederholte Male wurde er als Vermittler in Entführungsfällen angesprochen. Seit der letzten derartigen Aktion ist Pater Paolo nicht wieder aufgetaucht. Ein Besucher fragte den Autor, ob es aktuelle Nachrichten über sein Verbleiben gibt. Kermani konnte leider nichts Genaues mitteilen.

Text und Bild: Wilfried Oertel


Navid Kermani in Meschede

 
 
 
 
Ungläubiges Staunen - Navid Kermani liest in Mescheder Kloster
 

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