08.11.2016

Carolin Emcke:Gegen den Hass, Frankfurt 2016, 240 Seiten, 20,00€ - ISBN 978-3-10-397231-3 (Kopie 2)


Carolin Emcke hat am 23. Oktober 2016 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen bekommen. In einer Feierstunde in der Frankfurter Paulskirche wurde sie geehrt als Streiterin für Pluralität und gegen Hass. Ihre Analysen, Publikationen und Aktionen wurden durch diesen Preis gewürdigt. Ihr letztes Buch „Gegen den Hass“ widmet sich ausführlich dem Thema, wie Hass entsteht und aktuell in Erscheinung tritt.

Äußere Gestalt

Das Buch wird mit einem Vorwort eröffnet und weist danach drei inhaltliche Schwerpunkte auf. Die beiden ersten Schwerpunkte befassen sich mit verschiedenen Aspekten, wie Hass entsteht, verstärkt oder verschleiert wird. Der 1. Schwerpunkt steht unter der Überschrift „Sichtbar – unsichtbar“ (S. 21-105), der 2. Schwerpunkt unter „Homogen – natürlich – rein“ (S. 107-183). Der 3. Schwerpunkt ist dem Thema „Lob des Unreinen“ gewidmet (S. 185-218).  Danach folgen noch die Anmerkungen.  Bis S. 183 geht es immer um Formen der Ausgrenzung. Die Autorin entfaltet an konkreten bekannten Ereignissen, wie es funktioniert, dass Hass entsteht und in der Botschaft mündet: „Ihr seid anders, ihr gehört nicht dazu, wir brauchen und wollen euch nicht.“ Im 3. Schwerpunkt stellt sie positiv dar, welche Schritte einer Gesellschaft aus der Pluralität ein Wir ermöglichen.

Inhaltliche Gestalt im Detail

Carolin Emcke führt niederschwellig in den 1. Schwerpunkt ein. Menschen machen die Erfahrung, dass Liebe, Hoffnung und Sorge blind oder euphorisch machen können. Durch schwärmerische Liebe neigen Menschen dazu, in das geliebte Gegenüber etwas hineinzusehen, was nicht existiert. Genauso machen wir die Erfahrung, dass Hoffnung zur Illusion wird oder unter der Last der Sorgen gar nicht mehr Ansätze für hilfreiche Auswege gesehen werden. Mit diesen Beobachtungen auf den S. 23-44 bereitet sie die Leser auf das Thema der Entstehung von Hass vor, der das Gegenüber entweder nicht sieht oder zum Monster macht. Dies führt sie an zwei konkreten aktuellen Beispielen aus. Das erste befasst sich mit dem nächtlichen Transport von Flüchtlingen nach Clausnitz am 18. 2. 2016, deren Bus vor dem Ziel behindert wird und die Flüchtlinge von einer aufgebrachten Meute bedroht werden. Das zweite betrifft den Tod des Afro-Amerikaners Eric Garner, der am 17. 7. 2014 in Staten Island/ New York von übergriffigen Polizisten schuldlos überwältigt wird und im Schwitzkasten der Beamten erstickt.

Die brüllende Masse in Clausnitz, die den Bus umringt und die Flüchtlinge bedroht, macht diese einerseits in ihrem erlittenen menschlichen Schicksal unsichtbar und gleichzeitig werden sie als monströs sichtbar gemacht, „als Nicht-Wir“ (S. 48). Die brüllende Masse wird durch die passive Menge ermuntert, da diese nur schweigend daneben steht. Dazu kommt die Polizei, die nicht eingreift. Sie wird erst aktiv, als die Flüchtlinge im Bus sich wehren. Die Staatsgewalt signalisiert durch ihr ambivalentes Verhalten, dass sie die brüllende Masse gewähren lässt. „Clausnitz ist … ein Beispiel für den Hass und die Raster der Wahrnehmung, die ihn vorbereiten und formen, die Menschen unsichtbar und monströs zugleich machen“ (S. 82).

Das Beispiel mit dem Afro-Amerikaner Eric Garner betrifft eine Form von Hass, der in einer Institution eingewurzelt ist. Hier kontrollierten einige Polizisten einen Schwarzen ohne Grund. Die Wahrnehmung der weißen Polizisten registriert nicht die konkreten Gegebenheiten. Vor den Augen einiger Zeugen, die den Vorgang mit kritischen Fragen begleiteten und sogar filmten, agierten die Beamten aus sich heraus ohne kritische Selbstkontrolle. Ihre Optik wird beherrscht von alten, antrainierten, anerzogen rassistischen Vorstellungen – ohne Anhaltspunkt in der realen Welt. Sie konnten diesen Impulsen bedenkenlos nachgeben, da sie rechtlich nichts für ihre Tat zu befürchten hatten. Straffreiheit für die Polizei ist die Normalität. Ein massives Problem in den USA. Trotz der zahlreichen Zeugen, trotz mehrerer Video-Dokumentationen wurde keine Anklage gegen sie eröffnet. Eric Garner steht für ein gedemütigtes Opfer, das durch institutionalisierten Hass unsichtbar bzw. zu einem Monster gemacht wird. Solange dies gesellschaftlich geduldet wird und für die Täter straflos bleibt, wird dieser Hass schwer zu ändern sein.

Im 2. Schwerpunkt schärft die Autorin unseren Blick für weitere Signale der Ausgrenzung. Diese funktioniert entlang der Stichworte „homogen“, „natürlich“ und „rein“. In der aktuellen innenpolitischen Diskussion wird durch rechtskonservative und nationalistische Kreise von einer homogenen Gemeinschaft geträumt im Gegensatz zu einer Gesellschaft, die durch Vielfalt geprägt. „Die ethnische und religiöse Herkunft sollen die Zugehörigkeit zum Wir bestimmen… nicht der gemeinsame Bezug auf eine Verfassung“ (S. 126). Die Rede von der homogenen Gemeinschaft sieht nicht gleiche Bürger auf der Basis der Verfassung vor, sondern ethnische und religiöse Herkunft machen die einen gleich, während die anderen ausgegrenzt werden. Mit dem Stichwort „natürlich“ wendet sich Carlin Emcke dem weiten Thema der sexuellen Identität zu. Einerseits ist die Offenheit und Toleranz gegen Homosexuelle, Transpersonen und Bisexuelle gestiegen. Anderseits wuchsen Ängste und Abwehr gegenüber diesen Personengruppen unter dem Vorwurf, das alles sei nicht natürlich. Die Autorin ist bei diesem Thema besonders engagiert als Betroffene, wie sie bei ihrer Dankesrede am 23. 10. 2016 in der Paulskirche offen bekannte. Auf den S. 165-183 betrachtet sie das ideologische und praktische Vorgehen des sog. Islamischen Staates (IS).
Dieser propagiert seine eigene salafistische Deutung des Islam als die „reine“ Lehre und autorisiert sich selbst als reine genealogische Herleitung aus der Familie von Mohammed. Diese Spaltung in der Wahrnehmung von Welt und Menschen erklärt die eigene Haltung als rein und richtig und legitimiert dazu, die Anderen als unrein und als Ungläubige zu sehen und ihnen Gewalt anzutun.

Für Emcke besteht die Lösung in einem „Lob des Unreinen“ (S. 185-218). Die Vielfalt unserer Gesellschaft ist deshalb nicht nur zu ertragen, sondern als Offenheit zu begrüßen und bewusst als Lebenswirklichkeit zu feiern. Dazu braucht es Menschen, die diese Vielfalt bejahen und zum Blühen bringen wollen.  

Für wen ist dieses Buch interessant?

Als Geschenk zu Geburtstag oder Weihnacht eignet sich dieses Buch in jedem Fall. Es ist aber auch interessant für Menschen, die sich fragen, woher der Hass in unserer und anderen Gesellschaften eigentlich kommt. Für diese Menschen bietet die Autorin eine nachdenkliche, sachgerechte und verständliche Lektüre. Es stellt einen Erkenntnisgewinn dar, wie Ausgrenzung funktioniert und wie sie verhindert werden kann. Die Leser können Anteil nehmen an ihrem offenen Horizont, den sie durch Aufenthalte im Ausland und durch entsprechend vielfältige Begegnungen erworben hat. Zudem ist sie auch biblisch bewandert. Das lässt sie an zwei Stellen ihres Buches bemerken. Das sind die Bezüge auf Psalm 69, 3-5 (S.11) und auf Richter 12, 5-6 (S. 109), die sie auch ausführt. Wie sie das macht? Damit mache ich potentielle Leser neugierig, sich selbst in das Buch zu vertiefen.

Wilfried Oertel, 7. 11. 2016   Weitere Buchbesprechungen hier


 
 
 
 
Carolin Emcke:Gegen den Hass, Frankfurt 2016, 240 Seiten, 20,00€ - ISBN 978-3-10-397231-3 (Kopie 2)
 

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