07.03.2016

Rafik Schami, Sophia oder Der Anfang aller Geschichten. München 2015, 476 Seiten, 24,90€, ISBN 978-3-446-24941-7 (Kopie 1)


Der Autor legt mit diesem Roman ein atemberaubendes Werk vor. Die Handlung wird entfaltet über knapp 500 Seiten, die dennoch von der ersten bis zur letzten Seite spannend gehalten ist. Schami repräsentiert auf wunderbare Weise die orientalische Erzählkunst, die auf künstliche Dramatik und langatmige Füllstoffe verzichten kann. Die Handlung wird kontinuierlich durch die Personen und die Verwicklungen der Handlungen auf hohem Niveau dramatisch erzählt.  

Wesentliche Phasen des Buches handeln in Syrien. Die Leser bekommen Einblick in das syrische Leben, aber durch eine der Hauptfiguren blicken wir auch auf Deutschland und Italien, punktuell auf den Libanon.
Die Geschichte wird erzählt anhand einer verzweigten Familie über mehrere Generationen. Obwohl Syrien ein multireligiöses Land ist, bleibt eine Liebesbeziehung, die diese Grenze überschreitet, ein Tabu. Sollte doch ein Christ sich in eine Muslimin verlieben – oder umgekehrt,  muss das Paar mit Konsequenzen rechnen von schlechtem Gerede über Isolation bis hin zu Ehrenmord.  

Die Dramatik der Erzählung wird genährt durch die Macht der Sippe in einem Land, in dem keine Demokratie herrscht. Die Menschen haben gelernt, zu schweigen und wegzusehen. Selbst im engsten Kreis der Familie ist Vorsicht geboten, die eigene kritische Meinung nicht zu deutlich zu äußern.  

Inhalt
Der Roman handelt zwischen 1950 und 2011. Die verschiedenen Linien der Familiengeschichte sind in der Art eines Puzzles versetzt erzählt. Die Leser behalten aber die Übersicht dadurch, dass die Kapitel mit Ort und Jahr gekennzeichnet sind. So behält man den Durchblick, in welcher Erzähllinie man sich gerade bewegt. Karim und Aida, Salman und Stella sind Paare des Romans und Hauptfiguren. Dazu kommt Sophia, die Mutter von Salman. Sie alle stehen für den Wunsch, das eigene Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Das heißt: die Beziehung nach dem Herzen, auf der Basis von Liebe zu realisieren und nicht nach den Notwendigkeiten des Clans. Oder: in Beruf und öffentlicher Mitwirkung nach Neigung und sachgemäßem Urteil vorzugehen und nicht nach dem, was opportun ist für Überleben und Karriere. In einem Land, in dem vor dem zivilen Aufbegehren ab 2011 Geheimdienst, Korruption und ein Heer von Spitzeln die Stützen des Systems waren und noch sind, sind diese menschlichen Erwartungen schwer zu verwirklichen. Diese Hoffnungen signalisieren die tiefe Krise des Landes und eine unbeugsame Widerständigkeit der kritischen Geister. Die Hauptfiguren kommen – mit Ausnahme von Karim - aus christlichen Familien. Die Leser werden so in ein Milieu geführt, das uns weitgehend verschlossen ist. Ob Religion Grenzen zieht oder Brücken baut, ob Religion instrumentalisiert wird im Interesse des Machterhalts oder Freiräume schafft, das sind die Fragen im Kontext der Handlung. Dabei wird nicht doziert, sondern erzählt – dank der literarischen Kraft des Autors. Auf S. 226 lässt er den Philosophen Ibn Arabi zu Wort kommen: „Die wahre Religion aber sei die Liebe, und die kenne weder Krieg noch Rassismus, noch Inquisition.“ Das ist der rote Faden, um den sich alles dreht.  

Ein Buch für wen?
Seit 2011 herrschen Krieg und Zerstörung in Syrien. Unter diesen Umständen ist Reisen nach und in Syrien unmöglich. Wer sich aber dennoch für dieses geschundene Land, seine Menschen, Traditionen und Geschichten interessiert, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt. Der Autor lässt an keiner Stelle erkennen, ob in diesem Roman irgendwo eigenes Erleben versteckt ist. Er selbst lebt seit 1971 in Deutschland. Aber es ist davon auszugehen, dass er selbst Teil einer verzweigten syrischen Familie ist, die an den beschriebenen Schicksalen teilhaben könnte. Die Romanfiguren sind erlebnis-, kenntnisreich und dicht beschrieben, sie wirken dadurch authentisch, dass diese Vermutung nahe liegt.   
Wilfried Oertel - Meschede, 4. März 2016  
 


 
 
 
 
Rafik Schami, Sophia oder Der Anfang aller Geschichten. München 2015, 476 Seiten,  24,90€,  ISBN 978-3-446-24941-7 (Kopie 1)
 

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