14.07.2016

Mark Twain: Tom Sawyer und Huckleberry Finn. München 2015, 711 S. - 14,90€ - ISBN 978-3-423-14166-6


 Die geneigten Leser mögen überrascht sein, dass ich hier diesen Titel vorstelle. Das Buch ist keine Neuerscheinung und manche von Ihnen haben das Buch eventuell früher gelesen. Aber es gibt gute Gründe, es noch mal zu lesen oder erstmalig. Denn die aktuellen Zeitumstände machen den Roman, seine Geschichte und die Behandlung seiner Schicksale zu einem anrührenden  Beitrag für unsere aktuelle Themen. Es geht um Flucht, um Befreiung aus Bedrängnissen, um Fluchthilfe und Fluchtrouten. Dazu liefert uns der Autor mancherlei biblische Bezüge und garniert seine Geschichte gekonnt mit Humor. 

Zum Äußeren
In der o.g. Ausgabe sind beide Romane verbunden. Der Teil zu Huckleberry Finn ist auf den S. 259 – 609 zu finden, gefolgt von einem ausführlichen Anhang. Mark Twain hat ausdrücklich erwähnt, dass die Figuren beider Romane nicht frei erfunden sind, sondern reale Personen in seiner Umgebung darstellen. Die  Geschichte von Huckleberry Finn wurde erstmals als Buch 1884 veröffentlicht und spielt etwa in den Jahren 1835-1845.

Zum Inhalt
Ausgangspunkt ist ein Dorf am Ufer des Mississippi im Staat Missouri. Rassismus und Sklaverei sind alltägliche Realität. Huckleberry Finn lebt als Pflegekind bei der Witwe Douglas. Er hat seine Mutter früh verloren und sein Vater ist ein gewalttätiger Säufer, dem die Vormundschaft entzogen wurde. Witwe Douglas will Huckleberry Manieren beibringen, ihn zivilisieren, also einen anständigen Menschen aus ihm machen. Das kollidiert mit seinem ausgeprägten Hang nach ungebundenem Leben. Bei Witwe Douglas hört er auch biblische Geschichten. Z.B. heißt es auf der zweiten Seite des Romans: „Nach dem Essen holte sie ihr Buch raus und las mir über Moses in den Binsen vor.“ (S.266). „Ihr Buch“ ist die Bibel und „Moses in den Binsen“  bildet den Hintergrund für die nun startende Befreiungsgeschichte.  Anstoß ist, dass plötzlich wieder der gewalttätige Vater von Huckleberry auftaucht. Er passt den Sohn auf einem seiner Streifzüge ab und sperrt ihn in eine Hütte ein. Huck gelingt es, sich zu befreien und nutzt die Gelegenheit zur Flucht. Er lässt seinen Vater und Witwe Douglas hinter sich, lebt sein ungebundenes Leben in der Natur und gelangt dabei auf eine Insel im Mississippi. Dort trifft er auf den entlaufenen schwarzen Sklaven Jim. Die beiden kennen sich aus dem Ort, denn Jim ist Haussklave von Miss Watson, der Schwester von Witwe Douglas. Als Miss Watson plante,  Jim an einen Sklavenhändler für 800$ zu verkaufen, ergreift dieser die Flucht. Nun beginnt eine abenteuerliche Reise der beiden Flüchtigen. Sie verbindet die Sehnsucht nach Freiheit. Jim will der Sklaverei entfliehen und Huck der Gewalt seines Vaters und der Enge eines sittsamen Lebens. Denkbar ist, dass die beiden auf ihrer Flucht die Hilfe der sog. „Underground Railroad“ genossen haben oder von ihr wussten. Diese wurde von Gegnern der Sklaverei organisiert und verstand sich als verdeckte Hilfe auf den Routen in die Nordstaaten

Huck und Jim sind weitgehend mit ihrem Floß unterwegs.  Die Fluchtroute geht über die Flüsse Mississippi und Ohio. Ziel sind z.B. Staaten wie Pennsylvania oder Ohio. Dort gibt es keine Sklaverei und dort wäre Jim frei. Er hat auch Pläne, seine Familie freizukaufen und nachzuholen. Mit ihrem Floß bewegen sie sich nur nachts auf dem Fluss. Tagsüber verstecken sie sich auf bewaldeten Inseln oder im Ufergebüsch. Aber unterwegs lauern Gefahren. Überall gibt es Sklavenjäger, denn wer möchte sich nicht leicht ein paar 100 Dollars verdienen? Einmal verlässt Huck bei Tag das gemeinsame Lager und gerät auf dem Wasser in die Fänge von zwei bewaffneten Sklavenjägern, die hinter Jim her sind. Huck spürt die Gefahr für den Freund und tischt den Häschern ein Lügengeschichte auf. Er bittet sie um Hilfe für die kranken Eltern und Schwester. Die beiden bohren nach und Huck erfindet was von Pocken. Das bringt die Sklavenjäger dazu, Abstand zu halten. Sie geben dem Jungen noch Geld, dass er Medizin kaufen kann. Später wird Jim dann doch geschnappt und auf der Farm von Familie Phelps im Schuppen gefesselt und gefangen gesetzt. Dann folgt ein Finale, das mit viel Humor, Verwicklungen und Abenteuern gewürzt ist und doch die ganze Tragik eines versklavten Menschen beschreibt. Am Ende bekommt Jim ganz legal seine Freiheit geschenkt. Als die alte Miss Watson, die Herrin von Jim, den Tod nahen fühlte, hat sie in ihrem Testament seine Freilassung verfügt. Er konnte als freier Mann sein Gefängnis im Schuppen der Farm verlassen.

Kontexte
Diese Geschichte von Mark Twain ist kein Jungendroman, sondern ein Buch für Jugendliche und Erwachsene. Sie bietet viele Bezüge für Gespräch, Unterricht und Gottesdienst. Biblisch betrachtet ist die Befreiung Israels aus der ägyptischen Sklaverei und die Rolle des Mose als Fluchthelfer naheliegend. Als historische Bezüge in die Zeit der Handlung sind zu nennen die Stichworte „Underground Railroad“ und „Harriet Tubman“.  Sie war entlaufene Sklavin, lebte von 1820 bis 1913, wurde zur Aktivistin der „Underground Railroad“ in den USA und wird ab 2020 auf der 20-$ Note mit Bild gewürdigt. In den entsprechenden digitalen Lexika und Suchmaschinen sind hilfreiche Hintergrundinformationen leicht zu finden. Es liegt nahe, die aktuellen Fragen rund um das Thema Flüchtlinge auch in diesem Kontexte zu bedenken und dazu Lieder wie „Go down Moses“ oder „Amazing grace“ anzustimmen.

Weitere Buchempfehlungen hier


 
 
 
 
Mark Twain: Tom Sawyer und Huckleberry Finn. München 2015, 711 S. - 14,90€ - ISBN 978-3-423-14166-6
 

Kirchenkreis Arnsberg - Impressum