21.04.2016

Navid Kermani, Ungläubiges Staunen. München 2015, 302 Seiten. ISBN 978-3-406-68337-4. € 24,95


 

Im Herbst 2015 hat Navid Kermani den Friedenspreis des deutschen Buchhandels bekommen. In einer eindrucksvollen Rede in der Frankfurter Paulskirche schilderte er u.a. einen Passus aus seinem Buch „Ungläubiges Staunen. Über das Christentum“. Dieses Buch ist eines der wenigen Werke eines islamischen Wissenschaftlers, das sich intensiv mit Themen der christlichen Theologie befasst.

Bis auf ein Kapitel widmet sich der Autor der Betrachtung christlicher Kunstwerke aus dem späten Mittelalter bis zur beginnenden Neuzeit. Das Buch wurde im Herbst 2015 veröffentlicht und ist über einen Zeitraum von 7 – 8 Jahren entstanden. Auf Reisen und während einiger Auslandsaufenthalte hat er immer wieder Museen aufgesucht und die Bilder entdeckt. Aus der Sammlung dieser Bild-Deutungen ist letztlich das Werk entstanden. 

Die ersten beiden Bilder sind dem Thema Maria und Jesus gewidmet. Das dritte stellt die Opferung Isaaks dar, das vierte eine Szene mit Anna und Joachim, den Eltern von Maria. Alle Betrachtungen verstehen sich als Deutungen biblisch entlehnter bzw. biblisch verwandter Themen. Das Verhältnis von Maria und Jesus, ihre innere Verbindung, das Geheimnis der wunderbaren Geburt und die Vorahnung des tragischen Endes wird durch die Kunstwerke gedeutet und mit eigenem Erleben vertieft. Das sehr realistische Bild von der Opferung Isaaks deutet der Autor als kritische Frage an blinden Gehorsam und als Absage an Kindstötungen. Das vierte Motiv mit dem Kuss von Joachim und Anna war Anstoß, über Leibfeindlichkeit und körperliche Lust innerhalb der christlichen Tradition nachzudenken.

Kermani ist in Siegen geboren und aufgewachsen. Diese Region wird bis heute von christlich-freikirchlichem bis streng calvinistischem Einfluss bestimmt. Er hat diesen Einfluss in Schule und Leben kennengelernt. Später siedelte er über nach Köln, was zu seiner Heimatstadt wurde. Siegen und Köln repräsentieren religiöse Strenge und katholischen Frohsinn, eine Spannung, die in den Bild-Deutungen spürbar wird. Dazu kommt, dass Kermani die sinnliche Ästhetik iranischer Moscheen verinnerlicht hat und nennt als Beispiel die Moschee von Isfahan, woher seine Familie stammt. Und als Geschichten sind ihm die biblischen Erzählungen zu Maria und Abraham ja auch durch den Koran bekannt.

Abschließend soll nach auf die S. 168 – 186 des Buches verwiesen werden. Dieses Kapitel fällt aus dem Rahmen, denn hier beschreibt der Autor mit warmen Worten den Werdegang von Pater Paolo. Dieser hat in Syrien in den Ruinen des alten christlichen Klosters Mar Musa eine neue klösterliche Gemeinschaft aufgebaut. Pater Paolo wurde zu einem außergewöhnlich feinen Kenner des Islam und hatte keinerlei Berührungsängste mit muslimischen Menschen. Er hat sich als Christ auch politisch gegen Assad gestellt, als 2011 die zivilen Proteste begannen. Wiederholte Male wurde er als Vermittler in Entführungsfällen angesprochen. Seit der letzten derartigen Aktion ist Pater Paolo nicht wieder aufgetaucht.

Wilfried Oertel, 15. 4. 2016

 

 


 
 
 
 
Navid Kermani, Ungläubiges Staunen. München 2015, 302 Seiten. ISBN 978-3-406-68337-4. € 24,95
 

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