12.10.2015

Holm Tetens, Gott denken. Ein Versuch über rationale Theologie. Stuttgart 2015. 96 S., 5,-€ - ISBN 978-3-15-019295-5


Das Büchlein kommt unauffällig daher, aber mit einem lohnenden Beitrag zu einer vernunftgestützten Gotteslehre. Es ist ein Reclam-Bändchen aus der Reihe „Was bedeutet das alles?“ Der Autor ist Professor für Philosophie an der FU Berlin.

Worum es geht
Gleich zu Beginn nennt der Autor sein Anliegen: „Wir wollen eine komplexe Argumentation entfalten, wonach es im Vergleich mit der heute vorherrschenden naturalistischen Sicht auf die Welt und unser Leben keineswegs unvernünftig ist, auf Gott zu hoffen.“ (S. 7). Es geht nicht um die Frage nach der Existenz Gottes und der Gottesbeweise. Vielmehr geht es darum, welche vernünftigen Gründe sich finden lassen, auf Gott zu hoffen. Diese „komplexe Argumentation“ geschieht in Auseinandersetzung mit dem neuen Atheismus. Das ist mutig, da bei diesem Projekt „alle fundamentalen Prinzipien vernünftigen Denkens“ gelten sollen (S. 8).

Der äußere Aufbau
Die Schrift von Tetens umfasst 16 Kapitel, die in 4 Schwerpunkte gegliedert sind. An das Ende sind Literaturverzeichnis, Dank und eine biographische Skizze angefügt.

Die innere Auseinandersetzung
Holm Tetens versteht sein Büchlein als einen Beitrag zu der aktuellen Atheismus-Debatte. Richard Dawkins („Der Gotteswahn“) und Michael Schmidt-Salomon („Manifest des evolutionären Humanismus“) sind u.a. zwei profilierte Verfechter dieser Richtung in Naturwissenschaft und Philosophie. Für sie gilt nur, was mit den Mitteln der Wissenschaft feststellbar ist. Auf S. 13 umschreibt der Autor die These der naturalistischen Wissenschaft mit folgenden Worten: „Allein die Wissenschaft ist erkenntnistheoretisch vorurteilsfrei offen für die Wirklichkeit, nur die Wissenschaft hat kein Brett vor dem Kopf, im Gegensatz zu den Anti-Naturalisten aller Couleur.“ (S. 13). Daran schließt sich konsequent die Sicht über den Status des Menschen an: „Wir Menschen sind nichts anderes als ein Stück kompliziert organisierter Materie in einer rein materiellen Welt.“ (S. 87). Damit werden die Grundpositionen einer naturalistischen Wissenschaft skizziert. Als Gegenpol stellt der Autor die Grundpositionen einer rationalen Theologie dagegen mit der Formel: „Wir und die materielle Welt sind Geschöpfe des gerechten und gnädigen Gottes, der vorbehaltlos unser Heil will.“ (S. 90). Innerhalb dieser Pole entwickelt Tetens eine innere Auseinandersetzung. Zwei Denkschritte skizziere ich hier exemplarisch.

Naturalismus wird zum metaphysischen Credo
Zum einen greift er den absoluten Anspruch des naturalistischen Credos an in Bezug auf die Reichweite wissenschaftlicher Aussagen. Richtig ist, dass die materielle Welt durch die Wissenschaft beobachtet, analysiert und bewertet wird. Aber das ist nicht der Punkt. Tetens bestreitet die Schlussfolgerung: „Der Naturalist hingegen behauptet etwas anderes: Es gibt nur die durch die Wissenschaften erkennbare Erfahrungswelt.“ (S. 21). Als unstrittig  wird anerkannt, dass die wissenschaftlichen Resultate die materielle Welt angemessen abbilden. Aber zurückgewiesen wird der Anspruch, damit „das Ganze der Wirklichkeit und die Stellung des Menschen in ihr“ erfasst zu haben (S. 21). Insofern überschreitet damit die naturalistische Sicht die eigenen Grenzen und wird selbst zur Metaphysik. Da der Naturalismus nicht auf der Widerlegung von Gottes Existenz basiert, kann er sich in diesem Punkt auch nicht auf die Ergebnisse der Wissenschaften stützen.

Das Verhältnis von Materie und Mentalem
Zum anderen geht es um die Frage, „warum in einer an sich rein materiellen Erfahrungswelt eines Tages erlebnisfähige selbstreflexive Ich-Subjekte… die Bühne betreten haben.“ (S. 22). Tetens stellt fest, dass der Naturalismus hier eine Erklärungslücke aufweist. Alle objektiven Beschreibungen von Personen, ihrem Verhalten, geistigen Reaktionen und Empfindungen bleiben unvollständig. Wir würden uns auch weigern, soziologische oder psychologische Gutachten über unsere Gegebenheiten und Befindlichkeiten als ausreichend anzuerkennen.  Die Summe mentaler Prozesse bleibe einer allein objektiven, von außen geleiteten Analyse verschlossen. Grundsätzlich muss gesagt werden, dass die mentalen Zustände in der Welt nicht zwingend durch die Physik und Biologie zu erfassen sind.

Schlussfolgerung
Der Autor zieht aus den beiden beschriebenen Erklärungslücken des Naturalismus die Schlussfolgerung, dessen dominierenden Anspruch zu bestreiten.  Es bleibt bei einer Behauptung, allein ausreichende und angemessene Aussagen über Welt und Mensch zu treffen. Begrifflich logisch und auf die Vernunft gestützt kann eine rationale Theologie mit gleichem Recht und selbstbewusst auftreten: „Den Gottesglauben…vermag eine rationale Theologie als vernünftige Hoffnung zu rechtfertigen…“ (S. 10).

Nur ein Gott der Philosophen?
Auch auf die Frage nach der existentiellen Betroffenheit geht das Büchlein ein. Der Naturalismus hat eine ganz pointierte Auffassung zu der Stellung des Menschen in der Welt. Sie lässt sich so beschreiben: Aus der empirischen Welt lassen sich keine moralischen und sinnstiftenden Orientierungen erheben. „Das Glück und die Moralität des Menschen sind diesem Universum vollständig gleichgültig.“ (S. 55). Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die Art, wie wir leben wollen? Wegsehen bei Leid, hoffen nicht selber zum Opfer zu werden? Wer wird die Täter zur Rechenschaft ziehen, vor allem, wenn sie längst verstorben sind? Der Naturalismus hat keine wirklichen Antworten auf die Frage nach der Transformation der Übel und des Leidens in der Welt zum Guten und zu einer Erlösung. Wer also sensibel ist für den Zustand der Welt, wer die Augen nicht verschließt vor Ungerechtigkeit, wer sich weigert, eine resignative Haltung gegenüber Gewalt und sinnlosem Leid einzunehmen, der wird mehr Vernunftgründe für die existentielle Botschaft einer theistischen Sichtweise aufbringen. Welt und Mensch sich selbst zu überlassen, ist gleichgültig und zynisch. Aber mit einem Gott zu rechnen, „der vorbehaltlos unser Heil will“ (S. 90), ist vernünftig und mutig. 

Für wen das Büchlein interessant sein kann
Ich kann das Bändchen allen Menschen empfehlen, die die Diskussion über den neuen Atheismus verfolgen oder sich dafür interessieren. Es kann sich lohnen für Menschen, die mit Vernunft glauben wollen und die offen sind für aktuelle Fragen der Philosophie und Theologie. Den eigenen Glauben mit vernünftigen Worten und Gründen erklären zu können, sollte für Christen immer ein Anliegen sein.

Mein Fazit
Ich gebe zu, die Rezension dieses Büchleins ist ein Experiment. Es bedeutet hartes Brot für den Leser. Sollte ich diese Empfehlung dann nicht lieber lassen? Nein, die Lektüre lohnt sich. Denn wer sich durchbeißt, hat großen Gewinn und am Ende das Gefühl, auf der Höhe einer aktuellen Auseinandersetzung zu sein. Das Büchlein umfasst zum Ausgleich nur 96 Seiten. Ein Fremdwörterlexikon in der Nähe kann ab und zu eine Hilfe sein.

Wilfried Oertel

 

 

 


 
 
 
 
Holm Tetens, Gott denken. Ein Versuch über rationale Theologie. Stuttgart 2015. 96 S., 5,-€ - ISBN 978-3-15-019295-5
 

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