24.06.2015

Stephan Orth, Couchsurfing im Iran - Meine Reise hinter verschlossene Türen. München 2015. 240 S., 14,99€ - ISBN 978-3-89029-454-4


Die Ferienzeit steht vor der Tür. Da schaut man schon mal nach leichter Literatur für den Strand oder am See. Dies ist ein Grund, Ihnen dieses Buch zu empfehlen. Ein anderer Grund hängt mit der Situation von Flüchtlingen in unseren Gemeinden zusammen. Unter ihnen sind auch iranische Menschen. Wer mit ihnen in Kontakt und ins Gespräch kommt, hört ihre Nöte über das Leben im Iran. Deswegen sind sie ja geflohen. Sie dürfen nicht ins Ausland reisen. Sie werden gezwungen, ein bestimmtes äußeres Erscheinungsbild zu erfüllen. Sie werden genötigt, im öffentlichen Raum ein bestimmtes Verhalten zu zeigen, das als hohle Pose erlebt wird. Sie dürfen ihre Religion oder Weltanschauung nicht frei wählen. Alles was Freude macht, ist verboten. Die von oben angeordneten Vorgaben werden mit Religion begründet, mit dem Islam iranisch-schiitischer Prägung. Die Folge ist eine ganz andere Lebensführung in den eigenen vier Wänden und auch dort, wohin das Auge des Gesetzes nicht reicht oder gerade nicht hinschaut.

Der generelle Eindruck
Dieses Buch verhilft uns zu einer Reise kreuz und quer durch den Iran. Der Autor hat sich als Rucksacktourist sehr mutig durchs Land treiben lassen. Er war offen für Begegnungen und hat viele Einladungen in Familien erhalten. Damit erschließt er für uns ein Land, das nicht gerade auf Platz eins der Ferienziele steht. Damit löst er aber das ein, was der Untertitel des Buches sagt, eine „Reise hinter verschlossene Türen“ zu sein.

Aufbau
Das Buch hat 45 Kapitel. Sie sind aufgelockert durch zahlreiche Fotos und gelegentliche Tipps zur Orientierung in Alltagssituationen. Die Kapitel folgen einer Reiseroute, die auf der Innenseite des Buchdeckels vorne skizziert ist. Der Autor hat schon von zu Hause aus einen Teil seiner privaten Gastgeber im Iran übers Internet gefunden. Neue Kontakte und Änderungen der Route entwickeln sich dann im Land. Stephan Orth schildert seine Eindrücke von den jeweiligen Gastgebern und den verschiedenen Orten. Er schiebt gelegentlich Kapitel ein, in denen er seine Erfahrungen mit Bussen und Ticketbeschaffung beschreibt, mit Ämtergängen wegen der Visumverlängerung und Begegnungen mit der Polizei (Kapitel „Polizei“ S. 158ff.). Wer ein Smartphone besitzt, kann sich am Buchende mittels eines QR-Codes noch ein Filmchen ansehen, das für die Tragik von Lebensfreude und politischer Verfolgung im Iran steht.

Weltmeister in Gastfreundschaft
Stephan Orth hatte ein Jahr zuvor bereits einen Aufenthalt im Iran. Er war so angerührt von den freundlichen Gastgebern, dass er eine zweite Reise plante. Diese ist in dem vorliegenden Buch festgehalten. Er hat es immer mit Menschen zu tun, die mit dem Internet und sozialen Netzwerken vertraut sind. Auch wenn Twitter und Facebook offiziell verboten sind, die Menschen schaffen sich technische Umwege. So kommen die Kontakte zustande und werden dann über Handy konkret verabredet. Orth fragt sich immer wieder, warum die Gastfreundschaft im Iran eine so außergewöhnliche Tugend darstellt. Seine Beobachtung lautet so: „Die Menschen sind hungrig nach Neuigkeiten aus dem Ausland, wollen wissen, wie das Leben dort ist.“ (S. 123f.).

Öffentlicher Schein und privates Sein
Schon auf den ersten Seiten wird das Versteckspiel zwischen diesen zwei Welten beschrieben. Das Flugzeug - aus Istanbul kommend - setzt zur Landung in Teheran an. Da werden im Flieger die letzten Flaschen türkisches Bier geleert und die Kopftücher angelegt. Die Kleiderordnung, die Trennung der Geschlechter im öffentlichen (und auch im privaten) Leben, das Alkoholverbot und die Unterdrückung sichtbarer Lebenslust sind Dauerthemen dieses Buches. Orth hat die Kunst der Verstellung oft beobachtet, mit Humor und Nachdenklichkeit beschrieben. Er ist überrascht von einer Bikiniparty unweit der größten Moschee der Welt (S. 203ff.) und von selbstgebranntem Rosinenschnaps: „Brennt wie Feuerschlucken, aber gute Qualität. Wir trinken auf ex aus Teegläsern…“ (S. 152). Er erlebt, wie nah Religion und die Angst vor dem Tod beieinander liegen. Die privaten vier Wände erleichtern, sich zu öffnen. So fragt er einen seiner neuen Freunde: „Woran glaubst du?“ Und der antwortet: „Ich glaube an die Menschenrechte. An die Liebe, an Ehrlichkeit. Ich hasse den Islam, aber das ist ein Geheimnis.“  (S. 129). Grund ist die staatliche Drohung mit der Todesstrafe für alle diejenigen, die sich von der Staatsreligion lossagen.   

Die Jugend will leben
Einen Tag vor dem Rückflug nach Hamburg ist Stephan Orth eingeladen zu einer Abschiedsparty. Die jungen Leute wollen ausgelassen ihre neuen Freundschaften feiern. An diesem Abend kommen noch einmal alle Widersprüchlichkeiten zusammen, die die Lebensfreude in die private Sphäre verbannt und auf den Straßen kriminalisiert. Obwohl Alkohol verboten ist, wird Rosinenschnaps getrunken. Obwohl eine islamische Kleiderordnung besteht, lieben die jungen Damen zu solchen privaten Partys „spektakulär knappe Kleider“ (S. 236). Und die Fenster werden blickdicht mit Gardinen zugezogen, auch um „Jesusbilder und Kreuze“ zu verbergen (ebd.). Denn der Gastgeber der Party ist Christ.

Mein Fazit
Dieses Buch führt die Leserschaft zu sehr freundlichen Menschen mit offenen Türen. Wir erfahren auch etwas von den landschaftlichen, kulturellen und architektonischen Sehenswürdigkeiten. Aber das Buch ist vor allem an den Menschen interessiert. Es ist ein Blick auf den Kampf dieser Menschen, Freiheiten für sich zu erkämpfen dort, wohin der Blick der Regierung nicht reicht. Unter Umständen sind extreme Konsequenzen durch die Exekutive zu erleiden. Und solange die grüne Revolution noch auf einen wirklichen Wandel wartet, schulden wir diesen Helden der Verstellung herzliche Beachtung, Sympathie und Solidarität. Die Lektüre dieses Buches kann dafür ein Beitrag sein.

23. 6. 2015
Wilfried Oertel


 
 
 
 
Stephan Orth, Couchsurfing im Iran - Meine Reise hinter verschlossene Türen. München 2015. 240 S., 14,99€  -  ISBN 978-3-89029-454-4
 

Kirchenkreis Arnsberg - Impressum