13.01.2015

Wolfgang Büscher, Ein Frühling in Jerusalem. Gebunden, 233 Seiten, Berlin 2014, 19,95€ ISBN 978 3 87134 784 9 (Kopie 1)


Der Autor ist bekannt durch seine Reiseliteratur. Vor Jahren bin ich ihm erstmals begegnet durch das Buch über seine Wanderung von Berlin nach Moskau. Später fesselte mich das Werk über seinen Fußmarsch mitten durch die USA von Nord nach Süd. Alle Titel lassen sich leicht im Internet aufstöbern.

Nun hat sich der Autor an ein Thema gewagt mit hoher politischer und religiöser Brisanz. Er hat sich nach Jerusalem begeben, hat dort zwei Monate im Frühling in der Altstadt gelebt und diese durchwandert mit der leitenden Frage: Lässt sich Jerusalem verstehen? Finde ich Menschen, die mir dafür Türen und Herzen öffnen? Sein Buch erzählt davon. Er bringt Menschen, Situationen und Gegebenheiten zur Sprache bei eigener Zurückhaltung. Das ist wohltuend bei einem Thema, welches durch Parteinahme schnell in unfruchtbaren Sackgassen endet.

Aufbau
Sein Buch ist in vier große Kapitel gegliedert, denen jeweils eigene kurze Einheiten zugeordnet sind. Büscher hat immer in der Altstadt von Jerusalem gewohnt. Zuerst in einem arabischen Hostel nahe beim Jaffator, dann wechselte er in den griechischen Konvent vom Heiligen Michael. Von da ergaben sich Schwerpunkte für die Erkundungen, die die ersten beiden Kapitel bestimmen. Das dritte Kapitel ist den komplexen Verwicklungen jüdischer und muslimischer  Interessen gewidmet, z.B. um den Tempelberg. Das letzte Kapitel stimmt die Leserschaft auf den Abschied von der hochgebauten Stadt ein. Diese vier Kapitel werden mit einer vorgeschalteten Einleitung eröffnet (S. 9-13). Büscher beschreibt hier die Fahrt vom Flughafen Tel-Aviv nach Jerusalem im Taxibus. Die kleine Reisegesellschaft von 10 Personen bildeten bereits einen Teil der sozialen Gegebenheiten ab, die in der Stadt Vielfalt und Spannung produzieren: drei amerikanische Orthodoxe in schwarz, drei russische Schwestern auch in schwarz, ein junger Mann mit Schläfenlocken im Habit der Ultraorthodoxen, ein englisches jüdisches Paar und unser Autor. Diese Besatzung war wie ein Muster, das durch die nun folgenden Begegnungen entfaltet wird.

Details
Büscher nimmt uns mit auf seine Gänge durch die Altstadt, wir lernen das christliche, das muslimische, das jüdische und armenische Viertel kennen mit ihrer jeweils wechselnden Geschichte. Wir steigen mit ihm auf Hausdächer und genießen Aussichten. Wir sitzen mit ihm am Tisch im Café, beobachten die Händler, Touristen, Soldaten und die Frommen aller Richtungen. All diese Impressionen kommen auf den Betrachter zu, der einen ruhenden Standort bezieht. Büscher geht aber auch raus. Er spaziert und wandert gerne, geht von sich aus auf Menschen zu und wird so in die Welt von Menschen eingeladen, die von ihrem Jerusalem erzählen. So blicken wir in die Tiefe von persönlichen Schicksalen, von ganzen Generationen, die Teil dieser Stadt und ihrer Viertel waren und sind.  Aus den vielen Einzelbeschreibungen möchte ich zwei herausnehmen und speziell darstellen. Im Buch sind es die Abschnitte „Die Nacht“ (S. 122-130) und „Zünder“ (S. 195-207). In „Die Nacht“ beschreibt Büscher, wie er eine Nacht in der Grabeskirche verbringt. Und „Zünder“ führt uns auf den Tempelberg, zu Felsendom und Al-Aqsa-Moschee und das verminte Gelände von Provokation und Tradition.
Die Besuche in der Grabeskirche gehörten fast zum täglichen Brot des Autors. Zu verschiedenen Tageszeiten, im Strom der Touristen und Gläubigen oder auch still auf einer Bank sitzend erlebt er diesen für Christen heiligen Ort. Das alles spielt sich ab zu den regulären Besuchszeiten. Aber dass es während der Nacht in der Grabeskirche nicht still ist, erleben wir in der Gesellschaft des Autors. Dann haben die verschiedenen Konfessionen ihre nächtlichen Gebete und Messen. Nach genau abgestimmtem Fahrplan haben sie ihre Zeiten und gehen sich damit auch aus dem Weg.
Gab es früher auf dem Tempelberg einen freien Zugang und offene heilige Stätten, so hat sich dies erheblich geändert. Der Tempelberg ist für Nicht-Muslime nur noch zu bestimmten Zeiten und nur über einen speziellen kontrollierten Zugang geöffnet, der Felsendom ausschließlich für muslimische Gläubige. Dies ist das Ergebnis zugespitzter politischer und religiöser Ereignisse und folgender Empfindlichkeiten. Büscher schreibt: „Wäre Jerusalem eine Bombe, der Tempelberg wäre ihr Zünder.“ (S. 195). An diesem Zünder schraubt zum Beispiel eine jüdische Hochzeitsgesellschaft, die gezielt für diese Gelegenheit den Platz vor dem Felsendom wählt. Als ob sie wüssten, wo der letzte jüdische Tempel gestanden hat, bewegen sie sich und benehmen sich als wäre alles ihres. Sie filmen sich und die Szene, um anschließend zu Hause alles in ihr soziales Netzwerk  zu stellen. Dabei stehen sie für die Kräfte des national-religiösen Israel, das die Pläne für den dritten Tempel als Neubau schon bereithalten.    

Zielgruppen
Ich kann dieses Buch empfehlen für Menschen, die noch nie in Jerusalem waren, sich aber für die Geschichte dieser Stadt und ihre Menschen interessieren. Büscher leiht uns seine Augen und Ohren für Orte und Begegnungen. Seine persönliche Offenheit für Jerusalem verhilft ihm zu vielerlei Kontakten in alle Lager. Dieses Buch ist aber genauso spannend für Menschen, die bereits ein- oder mehrmals in dieser Stadt waren. Sie können durch die Lektüre Bekanntes im Geiste aufleben lassen, mit Büscher durch die Altstadt wandern, sich in der Grabeskirche aufhalten oder bei einem Kaffee das Treiben auf der Via Dolorosa beobachten.

Mein Fazit
Dieses Buch macht Lust auf Jerusalem, es zu besuchen oder erneut zu besuchen und dann vielleicht Orte, die man übersehen hatte. Aber bitte immer zu Fuß und mit offenen Sinnen. Außerdem bietet der Autor einen überzeugenden Beitrag, wie in einem schier unerträglich angespannten Konflikt überwiegend entspannte Begegnung möglich sein kann. Das geschieht durch Zurückhaltung, durch Zuhören und kein vorschnelles Urteil. Auch wenn die Ergebnisse manchmal ein nicht auflösbares Dilemma beschreiben.

Wilfried Oertel   


 
 
 
 
Wolfgang Büscher, Ein Frühling in Jerusalem. Gebunden, 233 Seiten, Berlin 2014, 19,95€ ISBN 978 3 87134 784 9 (Kopie 1)
 

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