08.12.2015

Hubertus Halbfas, Das Christenhaus, Ostfildern 2015, 263 S., 30,00€ - ISBN 978-3-8436-0666-0


Passend zum Kirchenjahr hat Hubertus Halbfas einen interessanten Band herausgegeben, der sehr lesenswert und geschenkwürdig ist. „Das Christenhaus. Literarische Anfragen“ ist der Titel und gleichzeitig erster Teil eines dreibändigen Werkes, das bis Ende 2016 komplett veröffentlicht sein soll. Es geht insgesamt um das Verhältnis von Literatur und Religion. Im hier vorgestellten Band versteht Halbfas Literatur als Stimme, die Fragen, Nachdenklichkeiten, Zweifel und Skepsis an Theologie und Kirche ausspricht. Er bedauert die dogmatische Unbeweglichkeit des offiziellen Lehr- und Kirchenbetriebes. Die literarischen Zeugen könnten – wenn sie im „Christenhaus“ gehört werden – zu einem Erkenntnisgewinn führen. Ich kann Ihnen den Titel als Geschenk für Sie selbst oder für andere wirklich empfehlen.

Äußere Gestalt
Das Buch hat einen Umfang von 263 Seiten, die jeweils optisch klar und übersichtlich gegliedert sind. Das Inhaltsverzeichnis macht auf den Seiten 5 – 11 die inhaltlichen Schwerpunkte und Details transparent. Insgesamt ist der Inhalt in 9 Kapitel gegliedert: Gott, Schöpfung, Jesus, der Nächste, Juden, Kirche, Glaube, Gebet und Religion. Vorwort und Klappentext auf der Rückseite klären auf über Anliegen und Adressaten des Buches. Die einzelne Seite folgt durchgehend einem Schema: der Haupttext nimmt 2/3 der Seite ein, 1/3 als Rand außen ist für ergänzende Informationen zu Autor, Kontext oder Bild bestimmt. Die literarischen Zeugnisse spiegeln eine Spanne von Antike bis zu Moderne wieder und sind jeweils den 9 Hauptschwerpunkten zugeordnet. Jeder Schwerpunkt wird durch eine Einleitung eröffnet, die die Fragestellungen skizziert und einordnet.

Inhaltliche Gestalt am Beispiel des 3. Kapitels
Das 3. Kapitel steht unter der Überschrift „Jesus oder Worin besteht das Christentum?“ und findet sich auf den S. 82 – 138. Ich wähle es aus, denn an ihm lassen sich sowohl das theologische Anliegen von Halbfas darlegen, als auch seine Fähigkeit, Literatur in theologischen Kontroversen zur Sprache zu bringen. Das kann man sicherlich auch anders machen, aber Halbfas setzt in diesem Kapitel seine biblischen  Grundpositionen sehr deutlich um, wie sie auch in seinem Werk „Religiöse Sprachlehre“ zu erkennen sind.
Kapitel 3  spannt einen Bogen über 6 Einzelabschnitte: nach einer Einleitung  wird eingesetzt mit „Der verlorene Anfang“ (S. 83-90). Hier wird beschrieben, dass sich das Christentum sehr früh von dem jüdischen Rabbi Jesus verabschiedet und dem Pantokrator Christus zugewendet hatte. Daraus resultieren Distanz zu den jüdischen Wurzeln Jesu und christlich begründeter Anti-Semitismus. Literarische Zeugen sind hier u.a. Amos Oz und Elisabeth Langgässer. Der zweite Abschnitt ist überschrieben mit: „Jesus und Paulus: Zweierlei Evangelium“ (S. 91-96). Auch hier öffnet Halbfas den Gedankengang mit einer Einleitung. Daraus macht eine markantes Zitat die Richtung deutlich: „Bei Jesus geht es um das ´Reich Gottes´ als dem Zentrum seiner Botschaft. Die von Paulus gelehrte ´Christologie´ ist eine Botschaft ohne Reich Gottes.“ (S. 91). Er lässt die Bibel als literarische Zeugen zu Wort kommen: die Gleichnisse vom barmherzigen Samariter  Luk 10, 25-37 und vom verlorenen Sohn Luk 15, 11-32 gefolgt von Paulus´ Lehre vom Sühnetod Jesu gemäß 1. Kor 15, 3-9 und 2. Kor 12, 1-4. In der Gegenüberstellung dieser biblischen Textzeugen liegt eine Spannung, die Halbfas so kommentiert: „Der Gott Jesu hat nichts mit Opfertod und Satisfaktion zu tun…Dennoch bestimmt die paulinische Lehre das christliche Selbstverständnis bis zum heutigen Tag.“ (S. 94). Die weiteren Abschnitte sind den Themen gewidmet:
„Nicht Almosen, sondern Tischgemeinschaft“ (S. 97-116),
„Das Jesus-Klischee steht jeder Nachfolge im Weg“ (S. 117-123),
„Der Jesus der Dichter“ (S. 124-134) und
„Christus hat keine Hände“ (S. 134-138).
Der Kürze wegen konzentriere ich mich auf „Der Jesus der Dichter“.
Hier lässt Halbfas u.a. zwei moderne Schriftsteller zu Wort kommen. Es sind der griechische Autor Nikos Kazantzakis und der Portugiese José Saramago. Es wird jeweils eine längere Passage aus „Die letzte Versuchung“ und aus „Das Evangelium nach Jesus Christus“ zitiert und mit Randbemerkungen interpretiert. Beide Autoren hatten bei Veröffentlichung ihrer Werke bzw. deren Verfilmung mit heftigen Protesten aus den konservativen christlichen Lagern zu kämpfen. Denn in beiden zitierten Büchern wehren sich die literarischen Hauptfiguren gegen die Last einer ihnen zugedachten dogmatischen Sühnetodrolle. Der Widerspruch gegen diese beiden Bücher war zu erwarten, denn in ihnen werden traditionelle Lehrpositionen gegen den Strich gebürstet im Namen des jüdischen Rabbi Jesus und dessen Botschaft.
Ich empfehle Ihnen, nach der Lektüre der S. 82 – 138 selbst eine Antwort auf die Frage zu versuchen, worin das Christentum besteht. 

Wem könnte man mit diesem Band eine Freude bereiten?
Dies Buch eignet sich als Geschenk für andere und ebenso für sich selbst. Halbfas beschreibt seine mögliche Zielgruppe am Ende des Vorworts so: „Als Leser sind die religiös Musikalischen wie die Unmusikalischen erwünscht. Zugleich verbindet sich mit diesem Band auch die Hoffnung, dass Pfarrer und Religionslehrerinnen und –lehrer, kirchliches Personal im weitesten Sinne an die Literatur herangeführt wird, weil nur so der Atem der Welt wahrgenommen wird.“ (S. 13).

Wilfried Oertel


 
 
 
 
Hubertus Halbfas, Das Christenhaus, Ostfildern 2015, 263 S., 30,00€ - ISBN 978-3-8436-0666-0
 

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