02.10.2014

Arnulf Zitelmann: Widerrufen kann ich nicht. Die Lebensgeschichte des Martin Luther Weinheim 2013, 201 Seiten. 7,95 €


Am 31. Oktober feiern wir den Reformationstag. Zu diesem Anlass empfehle ich besonders das hier beschriebene Taschenbuch von Arnulf Zitelmann. Es richtet sich an allgemein-interessierte Leser. Genauso kann ich es allen ans Herz legen, die am 31. Oktober auf der Kanzel stehen oder sich für den Unterricht vorbereiten. Der Verlag nennt eine Altersempfehlung von 14 - 17 Jahren, d.h. es eignet sich auch als ein schönes und lesenswertes Geschenk für junge Menschen.    


Aufbau

Das Buch umfasst 10 Kapitel, die der Biographie Luthers und den Ereignissen der Reformation folgen. Ergänzt werden die Kapitel durch eine Zeittafel und eine Literaturauswahl. Jeder Kapitelüberschrift wird ein Zitat zugeordnet, das wie ein Motto aus den folgenden Begebenheiten entnommen ist und für sie spricht. Vor das erste Kapitel hat der Autor eine Seite geschaltet, die einige Selbstaussagen Luthers erfasst und seine inneren Widersprüche aufzeigt. Damit wird signalisiert:
Zitelmann beschreibt keinen protestantischen Helden, sondern eine Person, die von inneren Spannungen getrieben trotzdem eine spannende Geschichte mit gestaltet hat.

Die Leser lernen im ersten Kapitel die familiären Umstände kennen. Es wird aufgezeigt, woher Luther kam, wer die Eltern und was die ganzen Umstände seiner Herkunft und Zeit waren. Schule, Studium der Philosophie und Jura bis zum Abbruch. Luther entscheidet sich für eine Existenz als Mönch, tritt 1505 ins Kloster ein und nimmt den tiefen Konflikt mit dem Vater in Kauf. Der Autor lässt die ganze innere Not Luthers für die Leser deutlich werden: das schlechte Gewissen, Gottes Forderungen (und auch den väterlichen Erwartungen) nicht zu genügen, obwohl er sich der strengen Disziplin des Klosters unterwirft. Es wird sehr anschaulich gemacht, wie Martin durch seinen Beichtvater Johann von Staupitz gefördert wurde. Dieser war der erste, der Luthers nahezu krankhaftes Bild vom strafenden Gott lockerte.  Im Kloster hält er zum ersten Mal eine lateinische Bibel in den Händen. Durch die Lektüre fängt er an zu entdecken, dass aus der Heiligen Schrift auch eine andere Stimme Gottes spricht. Damit wurde für Luther der Boden bereitet,  in ihr das Fundament des Glaubens zu sehen. Fortan wird die Heilige Schrift Orientierung und Korrektiv für kirchliche Lehren und Realitäten.  Die Leser können seine spannungsreiche Entwicklung am Beispiel der Wittenberger Thesen (5. Kapitel) und des Wormser Reichstags (7. Kapitel) nachvollziehen. Es folgt die Zeit auf der Wartburg, die Wirren des Bildersturms (8. Kapitel) und die Umwälzungen in den politischen Raum hinein, wofür die Stichworte Bauernkriege und Thomas Müntzer stehen (9. Kapitel). Im letzten Kapitel geht der Autor auf die Heirat Luthers mit Katharina von Bora ein. Über den beiden bricht ein Sturm übler Gerüchte und Stimmungen herein. Es war ein Novum, dass Nonne und Mönch sich das Ja-Wort gaben. Im letzten Kapitel werden aber auch – wie in einer ehrlichen Familie – die Punkte angesprochen, die bei Luther und dem folgenden Protestantismus kritisch zu sehen sind: das Verhältnis zum Judentum und zum Islam.      

Was im Zentrum steht

Der Autor stellt das Ringen Luthers um einen gnädigen Gott in den Mittelpunkt. Martin wächst auf in einer Zeit, die geprägt ist von einer „schwarzen“ Theologie. Sie funktioniert durch die Angst vor dem strafenden Gott, dessen Gunst man erkaufen kann. Selbst nichts wert zu sein, stets an den eigenen Fähigkeiten zu zweifeln und dadurch mutlos zu sein – das war Luthers geistige und religiöse Gefühlswelt. Insofern war er ein Kind seiner Zeit. Die Lektüre lässt die Leser gleichzeitig mit verfolgen, wie er aus der Bibel und durch Zuspruch den Mut gewann zu widersprechen. Die kirchlichen und staatlichen Autoritäten repräsentieren diese „schwarze“ Theologie. Diesen gegenüber zu treten und seine Sache zu vertreten, das hat Zitelmann sehr schön und dramatisch auf den S. 130-134 beschrieben. Luther wurde an zwei Tagen auf dem Wormser Reichstag verhört. Alle staatlichen und kirchlichen Autoritäten waren anwesend. Am 17. 4. 1521 wurde Luther zu seinen Schriften befragt. Mutlos und kleinlaut äußerte er sich vor dieser Kulisse, bat um Bedenkzeit und enttäuschte mit diesem Auftreten seine Anhänger. Am folgenden 18. 4. 1521dagegen gewann die kämpferische Seite die Oberhand und Luther vertrat selbstbewusst und ohne Furcht vor den anwesenden Autoritäten seine Sache. Es steht für den Autor im Zentrum, die inneren Schwankungen des Reformators sichtbar zu machen und so das Bild eines protestantischen Helden zu verhindern.   

Verständlichkeit

Das Buch ist durchgehend verständlich geschrieben. Es verzichtet auf  schwere Fachbegriffe. Die jeweiligen Kapitel sind von überschaubarem Umfang. Die Geschichte des Reformators wird spannend erzählt, sodass es Lust macht, bei der Lektüre zu bleiben. Außerdem wird das spezielle Thema in den allgemeinen kulturellen Kontext der Zeit eingebettet. Die Leser erfahren beiläufig auch Dinge, die zu dieser Zeit gehörten. Das Buch ist aus Sicht des Verlages für Jugendliche ab 14 Jahren geeignet. Aber auch Erwachsene freuen sich, wenn komplexe Sachverhalte verständlich präsentiert werden. 

Wilfried Oertel

 

 



 

 

 


 
 
 
 
Arnulf Zitelmann: Widerrufen kann ich nicht. Die Lebensgeschichte des Martin Luther Weinheim 2013, 201 Seiten. 7,95 €
 

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