26.07.2014

Avraham Burg, Hitler besiegen. Warum Israel sich endlich vom Holocaust lösen muss Frankfurt 2009, 280 S., 24,90€ (Kopie 1)


Die Lage im Nahen Osten hat sich in den letzten Wochen dramatisch zugespitzt. US-Außenmister Kerry ist mit seiner Vermittlung zwischen der israelischen und der palästinensischen Seite gescheitert. Die Annäherung von Fatah und Hamas, die Entführung und Ermordung von drei Talmud-Schülern und die Ermordung eines palästinensischen Jungen haben zu einer hemmungslosen Zunahme von Gewalt beigetragen. Die europäischen Kräfte wirken wie gelähmt. Jeder Vorschlag zur Deeskalation wird im nächsten Moment Makulatur. Auf einen besonnenen Impuls der Friedensbewegung in Deutschland und Europa wartet man derzeit vergebens.

Da ist es gut, auf eine Stimme aus Israel zu hören – kritisch, kontrovers und besonnen, aber für Vertreter der offiziellen israelischen Politik unerträglich. Avraham Burg ist der Autor des o.g. Buches. Er ist 1955 in Jerusalem geboren. Sein Vater Josef Burg und Familie kamen aus Dresden. 1939 flohen sie nach Palästina.  Avraham Burg war viele Jahre in hochrangigen politischen Ämtern der Arbeitspartei Israel sowie der israelischen Friedensbewegung „Frieden Jetzt!“ engagiert.  Von 1999 bis 2003 bekleidete er das Amt des Parlamentspräsidenten. 2004 zog er sich aus der Politik zurück. 2007 erschien sein Buch „Hitler besiegen“ in Israel. Zwei Jahre später in deutscher Sprache. Es hat vom ersten Tag an heftige Reaktionen ausgelöst. Auch wenn es in der deutschen Fassung bereits fünf Jahre alt ist, hat es nichts an seiner Aktualität verloren.

Worum geht es?
Burg beschreibt das Motiv für sein Buch im Vorwort: „Mein Buch ist ein Zeugnis der Gebrechen Israels…Werte sind verwischt, gegenseitige Unterstützung bröckelt…der diplomatische Weg zum Frieden ist blockiert und düster…eine öffentliche Diskussion über die Zukunft unseres geplagten Staates findet kaum statt. Das politische System ist überfordert und hält sich aus der bohrenden Diskussion über grundlegende Fragen unseres Lebens und aus der Suche nach neuen Antworten heraus. Aus diesem Grund habe ich dieses Buch geschrieben“ (S. 11f.). Es umfasst 12 Kapitel auf 280 Seiten.

Die zentralen Thesen
Burg entwickelt und vertieft drei leitende Gedanken:
1. Der Staat Israel zieht sein Selbstverständnis aus dem Trauma der   
    Shoa;
2. Der Kampf gegen eine Wiederholung der Shoa hat sich in eine
    rachsüchtige, kriegerische Sicherheitsdoktrin verwandelt;
3. Judentum und israelischer Humanismus müssen eine positive   
   moralische Verpflichtung bedeuten, d.h. Rückzug aus den besetzten 
   Gebieten und die Schaffung einer neuen jüdischen Identität.

Es ist typisch für biblisches und jüdisches Geschichtsverständnis, aus dem Rückblick auf die Vergangenheit die Gegenwart zu verstehen. Burg sieht für den Staat Israel eine ausschließlich auf die Vergangenheit gestützte Identität. Die 12 Jahre bösartiger Erfahrungen in Europa (1933-1945) binden Israel auf fatale Weise an den Schrecken, d.h. so gesehen ist Hitler noch nicht besiegt. Im politischen, militärischen und edukativen Verständnis hat die Shoa eine allpräsente Dominanz bekommen. Diese traumatische Erfahrung bildet die Basis der nationalen Identität und wirkt sich aus als Hauptmotor für Konfrontation und Katastrophen. Burg bestreitet nicht, dass diese Erfahrungen einen realen Charakter haben. Seine eigene Familie väterlicherseits war selbst von der Nazi-Diktatur betroffen. Insofern weist ihn seine biographische Nähe zum Thema als glaubwürdigen Autor  aus. Er kritisiert aber, dass die Lehren aus dem Holocaust allein in Form von harten Maßnahmen in der politischen Praxis bestehen. Rückbindung an die Vergangenheit, Konsequenzen aus der Geschichte kann aber für ihn nicht allein aus der Erfahrung der Shoa bestehen. Für das Judentum, bzw. auch für den Staat Israel muss an die Thora lebendig angeknüpft werden und d.h. „Wir behandeln ´sie´ (Die Araber – W. O.), als ob wir nie nach der brillanten Zusammenfassung der Tora durch Hillel den Älteren geschworen hätten: Was dir unlieb ist, das tue auch deinem Nächsten nicht. Uns war es verhasst, aber wir tun es, manchmal nur allzu freudig. Ist es ein Wunder, dass niemand mehr unser Freund sein will…?“ (S. 108). Burg erinnert auch daran, dass das Judentum eine lange Geschichte des Diskurses kennt und aus der Polemik kreative Kraft gewonnen hat. Davon ist – bezogen auf die konservativen politischen Eliten und ihren Stimmenanhang – wenig zu spüren.

Die Alternative
Avraham Burg formuliert es so: „Mein Judentum ist dagegen ein ständiger Kampf gegen Rassismus, religiöse Arroganz und selbsternannte Sendboten Gottes, die glauben, Gott sei immer und ausschließlich mit ihnen…Der mosaisch-jüdische Glaube besteht dagegen im ständigen Ringen, den Einzelnen, das Kollektiv und die Welt zu verbessern.“ (S. 215).

Kontroversen um das Buch
Sowohl in Israel wie in Europa hat das Buch heftigen Widerspruch provoziert. Im Januar 2010 habe ich mein Volontariat in Nes Ammim angetreten und gleich am zweiten Tag ergab sich ein erregtes Gespräch über diese Schrift. Ich gehörte zum Team der Gartenpflege. Wir trafen uns immer morgens sehr früh zur Arbeitseinteilung. Ein holländischer Kollege fragte mich, ob ich das Buch von A. Burg gelesen hätte. Ich sagte, dass ich die Lektüre gerade vor der Abreise beendet hätte. Er war aufgebracht über die Thesen des Buches. Er sympathisierte mit der Gruppe „Christen für Israel“. In deren Optik beginnt mit der Staatsgründung Israels eine neue Phase messianischer Erwartungen an das Heilige Land und den Staat Israel. Diese Haltung wird durch A. Burg nicht bestätigt. Er geht sogar so weit, Änderungen in Gebeten des jüdischen Gebetbuches vorzuschlagen. „Wir müssen ein neues Gebetbuch schreiben,…in dem der arrogante Satz ´Du hast uns auserwählt unter allen Völkern´ ersetzt wird durch ´Du hast uns auserwählt mit allen Völkern´.“ (S. 231). Für Burg ist diese Textänderung  zwingend im Sinn eines jüdischen Humanismus, der einer besseren Zukunft verpflichtet ist.

Wilfried Oertel


 
 
 
 
Avraham Burg, Hitler besiegen. Warum Israel sich endlich vom Holocaust lösen muss Frankfurt 2009, 280 S., 24,90€  (Kopie 1)
 

Kirchenkreis Arnsberg - Impressum