18.08.2014

"Gewandelte Lebenswelten - Stimmen sauerländischer Frauen aus dem 20. Jahrhundert"


"Reiben! Reiben! Reiben! Jede Woche waren die Hände kaputt. Aus dem Sodawasser und der Lauge holten wir die Sachen heraus. Es gab ja jede Woche nur ein Hemd und einen Schlüpfer, mehr kriegten wir nicht, wir sind sogar im Hemd ins Bett gegangen, denn wir hatten kein Nachthemd....", erinnert sich Frau K.(geb.1912).

Die Plage mit der Wäsche ist auch für Frau S.(geb.1929) noch präsent: "Im Sommer kam die Wäsche auch immer auf die Bleiche. Dort mußte sie begossen werden. Das war ein ständiges Hin und Her" (zwischen Ruhr  zum Wasserholen undWiese, wo die Wäsche ausgelegt war).

Im Flurbereinigungsplan von Meschede 1907 sind Bleichplätze an der Ruhr ausgewiesen; das Bleichen auf Wiesen im Privatbesitz wurde auch durchaus per Zeitungsanzeige untersagt.

Kaum eine Aufgabe der Hausfrauen hat im 20.Jahrhundert einen derartigen Wandel erfahren wie die Prozedur beim Wäschewaschen; eine lautlose Revolution in der Waschküche, an die wir heute gar nicht mehr denken, wenn wir die Taste an unserer Waschmaschine drücken.Und da gab es u.a.noch den Teppichklopfer, die Kaffemühle und  den Küchenherd, der -heute würde man wohl sagen multifunktionell- Wärme spendete, auf dem der Eintopf gekocht wurde, ebenso die Wäsche und das Badewasser für den Samstag heiß gemacht wurde.Der Stolz jeder Hausfrau war ein glänzender Küchenherd, doch ihn auf Hochglanz zu bringen, wenn wieder einmal Übergekochtes die Platte verdorben hatte, war ein besonderes Stück Arbeit:

Frau S. (geb 1920) schildert, wie sie erst mit grobem, dann mit feinem Schmiergelpapier die Herdplatte bearbeitete:
"Von dem Stochern war der Herd ja ganz schwarz und grau geworden, auch bläulich schimmerte das. Das bekam man mit dem Schmiergelpapier alles wieder weg. Schließlich gab es auch noch "Sidol". Damit konnte man das auch schon einmal ein bißchen blank reiben.

Diese und viel mehr lebendige Erinnerungen von Zeitzeuginnen zu ganz unterschiedlichen Themen haben Mitarbeiterinnen der Frauengeschichtswerkstatt Meschede im Ausklang des 20. Jahrhunderts "eingefangen" und in ihrem Buch "Gewandelte Lebenswelt- Stimmen sauerländischer Frauen aus dem 20. Jahrhundert" bereits im Jahr 2000 veröffentlicht. Unerwartet schnell war das Buch vergriffen; die - nur positive - Resonanz und wiederholte Nachfrage hat sie zum Nachdruck veranlasst. Ab sofort ist die "Gewandelte Lebenswelt" in den örtlichen Buchhandlungen, auch im Gemeindebüro der Ev. Kirchengemeinde Meschede, Tel. 0291-7723 für 12 EUR wieder erhätlich.

Die interviewten ca. 70 Frauen aus den Jahrgängen 1899-1938 reagierten zunächst auf das  Anliegen "Erzählen Sie doch mal  von früher" verhalten, weil "ich habe doch gar nichts besonders zu berichten." Beim Erzählen stellten sie dann aber selbst fest: "Ganz gut so! Das kann sich ja heute keiner mehr vorstellen.

Und damit ist nicht allein der Einzug der Technisierung im Haushalt, die karge Kindheit und Entbehrung  gemeint:Auch Frauen im Sauerland  begannen den Prozess der "Emanzipation".  Was sich im Gedächtnis der zum Zeitpunpkt der Interviews damals 70- bis 90-jährigen spiegelt, ist anschaulich und reichhaltig mit Reklame aus derZeit, Zeitungsanzeigen und zahlreichen, persönlichen Fotos belegt.

Die "Gewandelte Lebenswelt" ist ein vielfältiges Erinnerungsmosaik, das die Lebensleistung von Frauen  im hiesigen Raum wertschätzend vor dem Vergessen bewahren möchte.

Beate Nöckel


 
 
 
 
"Gewandelte Lebenswelten - Stimmen sauerländischer Frauen aus dem 20. Jahrhundert"
 

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