19.09.2013

Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken.


Eine Orientierungshilfe des Rates der EKD.
Hannover 2013.  160 Seiten, 5,99€.  ISBN 978-3-579-05972-3

I. Kontroversen
Ein Buch mit Wirkung! Seit diese Orientierungshilfe heraus ist, erzeugt sie Kontroversen. Es vergeht kaum eine Ausgabe der evang. Kirchenzeitung „UK“, in der nicht eine Stellungnahme, ein Leserbrief oder ein Kommentar zu ihr erscheint. Das gilt auch für die weitere Medienlandschaft. Ist das als positiv zu bewerten? Ist das ein Ausdruck für protestantische Diskussionskultur? Oder ist das ein Hinweis auf eine unfallträchtige Baustelle? Wie auch immer diese Frage zu beantworten ist, am Anfang sollte die Lektüre stehen. Man muss wissen, was die Autoren geschrieben haben. Man muss das Anliegen, die zentrale Thesen und die Schlussfolgerungen kennen. Dann kann man sich ein angemessenes Urteil über die Orientierungshilfe machen. Diese Buchbesprechung möchte ein kleiner Leitfaden sein, sich dem Buch anzunähern und nicht einfach Wiedergekautes weiter zu kauen.

II. Beobachtungen zum Buch
Aufbau
Das Buch beginnt mit einem Vorwort (S. 7-9), in dem ein biblisches Leitwort, das Thema, die erhoffte Wirkung und die Zielgruppe genannt werden. Danach folgen neun Kapitel. Das 1. Kapitel „Zusammenfassende Thesen“ (S. 11-19) stellt eine Kurzform des gesamten Buchinhalts dar – wie eine prägnante Folie zu den ausgeführten Kapiteln 2-8. Das 9. Kapitel (S. 141-152) bietet „Empfehlungen“ als praktische Schlussfolgerungen aus dem Vorausgehenden. Die Kurzthesen des 1. Kapitels werden jeweils zu Beginn der dann folgenden Sachkapitel in einem Rahmen wiederholt. Das Buch bekommt dadurch eine transparente Gliederung. Wer es mit Zeitnot lesen will, beschränkt sich auf die Thesen im 1. Kapitel. Es lohnt sich aber außerordentlich, das ganze Buch zu lesen oder die Teile von besonderem Interesse.

Biblischer Leitgedanke
„Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“ (Gen 2, 18). Dieses Bibelwort steht am Anfang und Ende des Vorwortes. Es trifft in der Sicht der Autoren den Gegenstand des Buches. Es drückt Gottes Willen aus, dass der Mensch in Beziehungen, in Gemeinschaft lebt und darin seine Erfüllung findet.

Thema des Buches
Familien in ihren unterschiedlichen Formen bilden das zentrale Thema des Buches. Sie stellen den Raum dar, in dem Beziehungen realisiert werden auf der Basis von Fürsorge und Zuwendung. Welche Umstände und Unterstützung für sie bereit gestellt werden sollen, ist in das Thema eingeschlossen.

Erhoffte Wirkung
Die Autoren hoffen, dass diese Schrift eine lebendige Diskussion nach sich zieht und zum weiteren Nachdenken anregt.

Zielgruppe
Das Buch richtet sich an Menschen, denen eine gelingende Familie, tragfähige Beziehungen und ein soziales Netz wichtig sind. Sie sind die Ansprechpartner, ihnen soll Mut gemacht werden.

III. Inhalte
Ein mutiger Schritt
In den Kapiteln 2-4 (S. 20-53) werden offen und ohne Denkhemmungen die sozialen und juristischen Gegebenheiten familiärer Formen heute beschrieben. Denn: „Um eine evangelische Verständigung über Ehe, Familie und Partnerschaft zu versuchen, geht es zunächst um eine Ortsbestimmung.“ (S. 11). Dies ist ein mutiger Schritt, denn alles fängt mit diesen Gegebenheiten an, man lässt sie an sich heran, nimmt sie wahr und beschreibt sie.  Der Wandel in den Familienformen,  in Familienleben, Ehe und Familienrecht wird recherchiert und dargestellt. Die Autoren machen sich die Mühe, detailreich diesen Wandel in Vergangenheit und Gegenwart zu erheben. Im Horizont liegen die traditionelle Form der Ehe, Patchworkfamilien, Lebensgemeinschaften ohne Trauschein, Alleinerziehende und gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften. So wird festgehalten: „Eine breite Vielfalt von Familienformen ist, historisch betrachtet, der Normalfall. Die bürgerliche Familie als Ideal entwickelte sich erst im 18. Jahrhundert…“ (S. 11). Auf den Seiten 25ff. illustrieren zahlreiche statistische Fakten den Wandel der familiären Wirklichkeit in der Breite. Es ist eine Stärke dieses Buches, dass es diese Vollzüge ohne Wertung wahrnimmt, beschreibt und die juristische Absicherung eines „erweiterten Familienbegriffs“ durch die deutsche Gesetzgebung ernst nimmt (S. 12). Diese Änderungen entsprechen dem Wunsch der Menschen, selbst, d.h. autonom die Form einer gelingenden Beziehung zu finden. Auf dem Weg, Glück empfangen und geben zu können, sind wir auf ein Gegenüber angewiesen, auf eine wie auch immer geartete Familie. Aus dieser Erfahrung von „Autonomie und Angewiesenheit“ resultiert der Titel des Buches und bildet die Schnittstelle zum biblischen Leitwort „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“ (Gen 2, 18).

Theologische Orientierung
Auf diese Beschreibung der sozialen Gegebenheiten folgt im 5. Kapitel die „Theologische Orientierung“ (S. 54-71). Dieser Teil ist der umfangreichste  Einzelartikel des Buches. Die Autoren dokumentieren durch diese Systematik, dass die theologische Reflexion auf die Wahrnehmung der sozialen Realitäten folgt und nicht umgekehrt.

Der Gedankengang durchläuft einen weiten Bogen. Eingesetzt wird bei der Trauliturgie, geht über zum Verständnis des Ehestandes, dann zu Bibel und zu Einsichten der Reformatoren. Es folgen Ausführungen aus dem Neuen Testament und zu Luthers Verständnis der Ehe. Den Abschluss bilden Überlegungen zu kirchlichen Segenshandlungen, zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare und zur Rollengerechtigkeit in den Familien.

Wie in der sozialen Realität so ist auch in den biblischen Geschichten eine Vielfalt von familiären Formen zu beobachten (S. 56ff.). Die Autoren ziehen daraus die Schlussfolgerung: „Angesichts der Vielfalt biblischer Bilder und der historischen Bedingtheit des familiären Zusammenlebens bleibt entscheidend, wie Kirche und Theologie die Bibel auslegen und welche Orientierung sie damit geben.“ (S. 58), und auf S. 60: „In den Texten des Neuen Testaments wird deutlich: Das Miteinander in Ehe und Familie ist wichtig, ist aber nicht die einzig mögliche Lebensform.“  In dieser Perspektive erinnern die Autoren daran, dass die Ehe nach evangelischem Verständnis kein Sakrament ist, sondern eine weltliche Ordnung. Dafür wird Gottes Segen erbeten. Dieser ist in den biblischen Geschichten das eigentliche Thema. Immer wieder wird den Menschen „Gottes Liebe und Gnade zugesprochen, werden Neuanfänge auch in Krisensituationen ermöglicht.“  (S. 64). In den Amtshandlungen Taufe, Konfirmation, Trauung und Aussegnung wird Gottes Segen gespendet. Im Blick auf Paare bedeutet das: „…im Ja des Paares zueinander wird das Ja Gottes zum Menschen erfahrbar…Es geht darum, einander zu verlässlichen Bündnispartnern und zum Segen zu werden.(S. 64f.).
Die Orientierungshilfe denkt also vom Segenshandeln Gottes her, der den in den biblischen Geschichten dargestellten Beziehungsformen gilt durch wirkmächtigen Zuspruch von Zukunft.“ (S. 65).

Auf den Seiten 65ff. wenden sich die Autoren dem umstrittenen Thema der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare zu. Hier bilden immer wieder die biblischen Texte, die Homosexualität als Sünde bewerten, den Anstoß zu Kontroversen. Die EKD argumentiert hier wieder von Gen 2, 18 aus. Hier wird der Mensch als ein Wesen qualifiziert, das für Beziehung, Partnerschaft und Gemeinschaft geschaffen ist. „Durch das biblische Zeugnis hindurch klingt als ´Grundton´ vor allem der Ruf nach einem verlässlichen, liebevollen und verantwortlichen Miteinander, nach einer Treue, die der Treue Gottes entspricht.“ (S. 66). So betrachtet werden homosexuelle Paare und Partnerschaften als gleichwertig neben der traditionellen Form der Ehe angesehen. Außerdem ist zu bedenken, dass die Bibel in den besagten Passagen nicht eine Form gleichgeschlechtlicher Partnerschaft vor Augen hatte, wie wir sie kennen. Die Diskussion sollte bei diesem Thema nicht hinter das zurückgehen, was die Rheinische Landeskirche 1992 mit ihrem Arbeitspapier „Homosexuelle Liebe“ publiziert hat.

(Die Kapitel 6-8 auf den Seiten 72-140, in denen es um familienpolitische und diakonische Fragen geht, bleiben in dieser Rezension unberücksichtigt.)

IV. Schluss
Die Orientierungshilfe hat viel Wirbel verursacht. Und das ist gut. Es ist ein mutiger Schritt, sich der Vielfalt der gegebenen familiären Formen heute zu öffnen. Diese Öffnung ließ die Autoren auch die Vielfalt der Beziehungsformen in den biblischen Geschichten entdecken. Das mag konservative Kreise verunsichern. Das mag Irritationen im ökumenischen Raum verursachen. Aber diejenigen, die unter der Ausschließlichkeit traditioneller Eheformen leiden, werden in diesem Dokument eine Hoffnungsstimme hören. Die herkömmliche Form der Ehe wird auch mit, neben oder ohne diese Orientierungshilfe die Form der Partnerschaft bleiben. Denn in der Regel verlieben sich ein Mann und eine Frau ineinander, bilden eine Partnerschaft, gehen eine Ehe ein und wollen füreinander da sein. Die Autoren sagen es im 9. Kapitel „Empfehlungen“ so: „Die evangelische Kirche würdigt die Ehe als besondere Stütze und Hilfe, die sich auf Verlässlichkeit, wechselseitige Anerkennung und Liebe gründet.“ (S. 143). Und sie fahren fort: „Gleichzeitig ist sie gehalten, andere an Gerechtigkeit orientierte Familienkonstellationen sowie das fürsorgliche Miteinander von Familien und Partnerschaften…zu stärken, aufzufangen und in den kirchlichen Segen einzuschließen.“  (S. 143).

Ich kann diese Orientierungshilfe allen Interessierten zur eigenen Lektüre sehr empfehlen. Nur so können sie die Inhalte prüfen und sich ein eigenes Urteil in der laufenden Debatte bilden.

Wilfried Oertel 


 
 
 
 
Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken.
 

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