07.11.2013

Harriet Beecher-Stowe: Onkel Toms Hütte - Ein aktueller Klassiker


 

So ein altes Buch! Welchen Grund sollte es geben, diese Geschichte zu lesen? Für die Älteren unter den Lesern wäre es vielleicht eine Zweitbegegnung. Für die Jüngeren wäre es eine erste Begegnung mit einer ergreifenden Geschichte. Und dieses Buch konfrontiert uns mit einem Thema, das allgemein für erledigt gilt, aber nicht abgehakt werden kann. Die Arbeitsverhältnisse auf den olympischen Baustellen von Sotchi und denen der FIFA in Katar stellen nur die aktuell krassesten Beispiele dafür dar, dass Sklaverei in modernen Formen weiter lebt. Und diese Geschichte, die Beecher-Stowe erzählt, ist auch ein Lehrstück, wie Religion zugleich als Rechtfertigung für wie auch als Protest gegen die Sklaverei auftreten kann. Christen müssen immer sensibel dafür sein, dass die biblische Botschaft missbraucht werden kann. Dem muss man kritisch begegnen. Aber nun zum Buch.

Die äußeren Gegebenheiten des Buches
Geschrieben wurde es von einer Frau namens Harriet Beecher-Stowe. Es ist die Geschichte von Versklavung und auch von Befreiung. Die Autorin ist tief verwurzelt im christlichen Glauben, welcher das ganze Buch durchzieht. Harriet Beecher Stowe ist am14. Juni1811 geboren und am 1. Juli 1896 im Alter von 85 Jahren gestorben.  Sie war eine US-amerikanische Schriftstellerin und erklärte Gegnerin der Sklaverei. „Onkel Toms Hütte“ erschien ab 1851 als Fortsetzung in einer Zeitung, ein Jahr später als ganzes Buch.  Es ist ein Protest gegen die Sklaverei und erreichte ein Millionenpublikum. Harriet wurde als jüngste Tochter des presbyterianischen Theologen Lyman Beecher geboren.

Der Roman „Onkel Toms Hütte“  beeinflusste die politische Meinung in den USA zum Thema Sklaverei wesentlich. Es wurde zu einer wichtigen Kampfschrift im Bürgerkrieg der Union der Nordstaaten gegen die Konföderation der Südstaaten. Bereits im ersten Jahr des Erscheinens wurden 300.000 Exemplare verkauft. Zahlreiche Neuauflagen und Übersetzungen in andere Sprachen folgten. Es ist ein großer Gewinn für uns, dass es seit 1853 in deutscher Sprache vorliegt. Es öffnet uns aber auch die Augen dafür, dass die Bibel in ihren Aussagen dehnbar ist. Sie wird zur Rechtfertigung für die Sklaverei genutzt, aber genauso zum heftigen Protest dagegen. Beide Stimmen hören wir in dem Roman.

Die Geschichte des Buches
In Kentucky hat Ehepaar Arthur und Emily Shelby eine Farm. Sie haben einen Sohn. Auf ihrer Farm lebt eine große Anzahl von Sklaven. Das Paar Onkel Tom und Tante Chloe und die junge Eliza mit ihrem kleinen Sohn Harris. Elizas Mann George arbeitet als Sklave auf einer Nachbarfarm.  Da Familie Shelby ihre Sklaven gut behandelt, genießen sie mehr Freiheiten, und sie lieben ihre Herrschaften. Aber der Schein trügt. Die Gesetze stehen dagegen. Arthur Shelby hat durch Spekulation Schulden angehäuft und muss Sklaven verkaufen. Mit dem Sklavenhändler Haley wird er handelseinig. Tom und Eliza mit Söhnlein Harris werden an Haley verkauft. Eliza belauscht ein Vorgespräch zwischen Shelby und Haley. Sie alarmiert Frau Shelby, ihren Mann George und auch Onkel Tom. Frau Shelby protestiert heftig gegen die Entscheidung ihres Mannes. Bevor Haley Eliza abholen will, ist sie von der Farm geflohen. Auch ihr Mann George war seiner Herrschaft entflohen. Auf getrennten Wegen wollen sie erst den Fluss Ohio erreichen, denn auf der anderen Flussseite begann die Freiheit. Sicher war man aber erst in Kanada. Diese Flucht, im Buch dramatisch beschrieben, gelingt. Das Buch gibt damit Einblicke in das Netz von real organisierten Fluchtrouten, der sog. underground railroad. Dieses Netz wurde aufgebaut von entlaufenen Sklaven und Gegnern der Sklaverei. Auf diesen Wegen fliehen Tom und Eliza mit Söhnlein Harris. Dabei bildet der Ohio-Fluss die magische Grenze, hinter der man ein wenig aufatmen konnte. Onkel Tom jedoch schmiedet keine Fluchtpläne. Er wird vom Sklavenhändler Haley mitgenommen und will ihn und weitere Sklaven in den Südstaaten verkaufen. Tom wird verkauft und kommt in die Hände verschiedener neuer Besitzer, einer schlimmer als der andere. Er nimmt sein Schicksal geduldig an. Man könnte in ihm einen schwarzen Hiob sehen. Er stirbt am Ende unter der unmenschlichen Behandlung. Der Sohn Shelby hatte ihn wochenlang noch gesucht und findet ihn am Ende auch noch lebend. Er kann ihm aber nur noch einen letzten Dienst erweisen und ihn würdig begraben.

Die Bibel will Befreiung
1865 wurde in den USA die Sklaverei abgeschafft. Es hatte jahrelang Kämpfe zwischen der Konföderation der Südstaaten und der Union der Nordstaaten gegeben. In der Schlacht von Gettysburgh in Pennsylvania hatten die Nordstaaten gewonnen und anschließend wurde die Abschaffung der Sklaverei in die Verfassung aufgenommen. Das Buch von Harriet Beecher-Stowe war eine Kampfschrift in diesen realen Auseinandersetzungen. Sie ergriff Partei für diese armen Menschen. Aus ihrer Sicht ist die Botschaft der Bibel nicht dehnbar, sondern eindeutig. „Alles, was ihr wollt, das euch die Menschen tun sollen, das tut ihnen auch.“ Dieses Bibelwort zitiert ein Pastor in einer Diskussion auf einem Sklavenschiff auf dem Mississippi. Die Goldene Regel Jesu aus Matthäus 7, 12 ist der Schlüssel für den Umgang mit Menschen.
Jesus und die Bibel wollen Empathie, d.h. sie zeigen uns die Kunst, in die Schuhe unseres Nächsten zu schlüpfen. Und die Bibel bezeugt uns eindeutig Gottes Barmherzigkeit und Freundlichkeit gegenüber allen Menschen. Es stimmt: in 1. Mose 9, 25 verflucht Noah seinen zweiten Sohn Ham und dessen Kinder. „Verflucht sei Kanaan und sei seinen Brüdern ein Knecht aller Knechte!“ Im Roman tritt ein zweiter Pastor in derselben Diskussion auf dem Sklavenschiff auf, der mit dieser Stelle die Sklaverei rechtfertigt. Diese Deutung sieht in den Schwarzen die Kinder von Ham. Sie darf man mit Gottes Willen versklaven. Mit dieser biblischen Stelle wurde die Apartheit in Afrika gerechtfertigt und  einer Menschengruppe aufgezwungen. Diese Deutung widerspricht aber dem Dauerton der Heiligen Schrift von der Barmherzigkeit des Schöpfers gegenüber allen Menschen. Es ist bezeichnend, dass die versklavten Schwarzen aus der Religion ihrer Unterdrücker genau diesen Dauerton herausgehört und daraus Kraft geschöpft haben gegen ihre Peiniger. Die reiche Kultur der Spirituals legt dafür ein Zeugnis ab. Sprüche 14, 31 sagt es so: „Wer dem Geringen Gewalt antut, lästert dessen Schöpfer; aber wer sich des Armen erbarmt, der ehrt Gott.“ Deshalb bezeichneten die versklavten Schwarzen – in Onkel Toms Hütte - die Bibel auch als „das gute Buch“.

Das Buch gehört zu den Klassikern der Weltliteratur und ist – zum Glück – weiter erhältlich. Vielleicht eine Empfehlung für Weihnachten.

Zwei Hinweise für speziell Interessierte:
- die Geschichte der underground railroad ist dokumentiert im Freedom  
  Center von Cincinnatti, Ohio;
- in Philadelphia, Pennsylvania kann die A.M.E. Mother-Bethel-Church
  besucht werden. Sie ist die erste afro-amerikanische Kirche in den USA, 
  gegründet 1791 von Richard Allen. Sie war eine Station im System der  
  Fluchtrouten.

Meschede, 30. 10. 2013
Wilfried Oertel


 
 
 
 
Harriet Beecher-Stowe: Onkel Toms Hütte - Ein aktueller Klassiker
 

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